TAG 24 bis 31

Sonntag 30. Juni, Heimerdingen - Camping in Rastatt (Freizeit-Paradies) - 87 km

Sonntag rolle ich nach Pforzheim zum Bahnhof. Eine traumhafte Tour entlang der Enz - Weinberge inbegriffen. Den Schlossberg hoch zum Bahnhof muss ich nicht schieben. Obwohl mir das ein paar Leute prophezeit hatten. Schon am Fahrstuhl ein netter Mann. Er will auch nach Karlsruhe. Radler hatten mir die S-Bahn empfohlen, aber jetzt kommt eine Regionalbahn. Der Nette hilft mir in den Zug. Er hat eine Fahrkarte für zwei, ich kann gratis fahren. Räder sind hier ohnehin umsonst. Mein Rad blockiert zur Hälfte den Gang, es ist eng. Ein Mann mit Rollator ist wütend. Ich soll mein Rad in die Ecke schieben. Er begreift nicht, dass das während der Fahrt unmöglich ist. Noch nichts von Fliehkraft gehört? Eigentlich wollte der Nette in Durlach aussteigen, kommt aber mit bis Karlsruhe Hauptbahnhof, um mir den Wütenden vom Hals zu halten und mir aus dem Zug zu helfen. 

Ich suche mir den Weg zum Rhein. Auskunftsfreudige Radler helfen gern. Werner ruft an. An der Ostsee 15 Grad und eisiger Westwind. Mein Tacho zeigt 26 Grad und der Himmel ist blau. Von Wind keine Spur. Kaum Verkehr, es ist Sonntag. Bald rolle ich am Rhein und genieße die Auen. Traumhaft. Muss immer wieder anhalten und die Kamera auslösen. Als ich fotografiere, gesellen sich ältere Herrschaften zu mir. Sie wollen mit mir ein Stück radeln. Ich kann schneller als 12 km/h, will aber nicht unhöflich sein. Sie laden mich zu einem Volksfest am Rhein ein, wollen mir eine Bratwurst spendieren. Dankend lehne ich ab, will in die Pedalen treten. Brauche mal Ruhe, möchte allein sein – nur mein Rad und ich. Ich düse zum Campingplatz nach Rastatt. Freizeit-Paradies genannt. 14,50 € knöpft man mir ab, doch keine vergoldeten Wasserhähne. Nicht mal Tisch und Bank für Radler. Aber nette Wohnmobilfahrer. Die zahlen doch tatsächlich für zwei Personen nur 20 €. Das passt ja nun gar nicht. Radler-Abzocke. Dieser Platz kommt auf meine Liste „Weiträumig umfahren und andere Radler warnen“. Ich habe auch eine Liste „Immer wieder ansteuern und anderen Radler empfehlen“. Ein nettes Pärchen aus der Nähe von Bremen gibt mir die Adresse. Wir könnten bei Ihnen im Gartenhaus schlafen oder campen. Bei anderen Campern werde ich zum Tee eingeladen. Sie sind für „Forum Ziviler Friedensdienst“ unterwegs. Sehr interessantes Gespräch. Sie waren zum Beispiel in Kroatien im Einsatz. Also Rastatt wurde doch noch gut - dank spannender Gespräche mit bemerkenswerten Menschen.

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TAG 25

Montag 1. Juli, Rastatt - Camping in Kehl - 73 km

Bald hinter Rastatt wurde die Wegfindung schwierig. Vor Iffezheim teilt sich der Radweg. Ich entscheide mich gegen die Schotterpiste auf dem Damm und rolle Richtung Iffezheim. Hinter dem Ort keine Ausschilderung mehr, aber ein geteilter Weg. Ich fahre zurück, in der Hoffnung ein Schild übersehen zu haben. Zwei Schweizer und drei Deutsche hängen über Radkarten und überlegen. Ich entscheide mich umzukehren und nehme nun doch den Schotterweg. Ein Radler bringt mich auf die Brücke nach Frankreich. Ich soll bis zum Kiosk fahren, dann geht es zum Radweg. Er biegt ab und überlässt mich meinem Schicksal. Statt Kiosk Baustelle. Ich muss vom Radweg auf die Hauptstraße. Nach der Baustelle fahre ich weiter auf der Straße. Wie soll ich allein mit meinem Schwertransporter den hohen Absatz zum Radweg bewältigen. Wüste Beschimpfungen durch einen LKW-Fahrer. Ich verstehe nichts und es ist mir im übrigen egal. Als die Leitplanke endet, kommt endlich ein Kreisverkehr. Ich kann zum Radweg abbiegen und stehe an einem Kanal. Erst hier gibt es die Radweg-Ausschilderung. Der Weg ist zwar asphaltiert, aber eintönig. Rechts Wald, links Kanal, dahinter ein hoher Damm. Auf deutscher Seite war links meist der Schwarzwald. Ein Radler kommt mir entgegen, steuert auf mich zu. Er will bis Lauterbourg, doch ich kenne erst den Weg ab Iffezheim. Gestartet ist er in Bern und nahm sich zwei Tage Zeit für Straßburg. Irgendwann kommt eine Fähre und ich ergreife die Chance. Gratis (!) geht es über den Fluss. Niemand fingert Kleingeld raus und niemand kommt zum Kassieren. Auch so was gibt es noch. Auf deutscher Seite habe ich links nun auch Wald und keine Berge. Aber das ändert sich. Der Weg führt an einer Stelle von Fluss weg. Die Berge rücken näher. Ich erkenne sogar Häuser am Hang. Eine Radlerin fotografiert mich vor dieser Kulisse. Wieder am Rhein geht es geradeaus nach Kehl. Kurz vor sechs bin ich in der Innenstadt und finde sofort eine Buchhandlung. Ein Sprachführer französisch muss her, ich will schließlich zu Isabelle und Regis. Dann zur Europa-Brücke. Hier muss ich rauf. Mit dem Rad. Vor Jahren war ich schon mal hier – mit dem Auto, wie sonst.

Gleich hinter der Brücke liegt der Campingplatz. Tisch und Bank gibt es nicht, aber kostenloses Internet. Auch nicht schlecht. Viele Zelte und Fahrräder. Das erste Mal, dass ich so viele Radler auf einen Haufen erlebe. Erfahrungen werden ausgetauscht. Mehrmals bekomme ich die Empfehlung, auf französischer Seite weiter zu fahren. Nur eines will ich nicht. Durch eine Großstadt. Und das ist nun mal Strasburg.

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TAG 26

Dienstag 2. Juli, Kehl - Camping Vauban Neuf-Brisach - 79 km

Ich komme erst nach elf los. Österreicher, die ich von Rastatt kenne, erzählen mit mir. Da es Internet gibt, schreibe ich E-Mails. Außerdem war ich mit meinem Tagebuch in Verzug.

Ich bleibe auf der deutschen Seite. Und denke bald an die Worte meines Zeltnachbarn, dass der Weg eine Zumutung ist. Nach dem Hochwasser wurde er nur geschoben. Uneben, Schotter, Löcher – bin ich in Serbien? Als noch eine Brücke mit hoher Stufe auftaucht, bin ich am Verzweifeln. Wieder ist ein netter Mann zur Stelle. Er fährt die Walze und hat mich gerade vorbei gelassen. Bei laufendem Motor rief er, wo ich mit so viel Gepäck herkomme. Jetzt springt er aus seiner Maschine. „Ich lupf dann mal das Hinterrad.“ Mit diesem Worten hievt er mein Gefährt auf die Brücke.

Eine Straße kreuzt den Weg. Danach immer noch Schotter, schön locker. Für meine Bereifung kein Problem, doch nicht zum zügigen Vorankommen geeignet. Ich nehme die Brücke nach Frankreich. Der pfeilgerade Canal de Rhone au Rhin verspricht Asphalt, doch wenig Abwechslung. Bestimmt kein Highlight. Zum Kanal komme ich über Plobsheim und Krafft. Die Ausschilderung ist perfekt. Einige km fahre ich auf der Hauptstraße, die Autofahrer umrunden mich weiträumig. Einer hupt mehrmals und deutet nach vorn. Vielleicht war ich nicht gemeint. In Krafft stehe ich an der schmalen Wasserstraße. Kein Damm versperrt die Sicht. Rechts die Vogesen und links manchmal der Schwarzwald. Das Ufer bunt. 36 km bis Marckolsheim. Von schnurgerade nichts zu merken. Ab und zu wird der Kanal zu einer Allee. Nur dass es sich um eine Wasserstraße handelt. Schön schattig und überhaupt nicht langweilig. Blätter gondeln auf dem mit Blütenstaub benetzten Wasser. Vor den Bergen am Horizont recken sich Kirchtürme gen Himmel. Ein Holzboot schippert vorbei. Irgendwann liegen Bäume im Wasser. Kein Bootsverkehr mehr. Links und rechts Wald. Urwald. Angler hocken am Ufer und grüßen freundlich. Einige Radler begegneten mir, sogar drei Schwertransporter. Aber hier bin ich mit den Anglern und meinem Glück allein. Dieser Kanal, vor dem ich mich so sehr fürchtete, ist eine der schönsten Strecken meiner Reise. In Artzenheim endet die Traumstrecke.

Weiter geht es über ein paar Dörfer nach Biesheim. Laut Karte gibt es hier einen Campingplatz – Fehlanzeige. Man schickt mich nach Neuf-Brisach. Ein Mann holt Blatt und Stift und zeichnet mir den Weg auf. Er malt Ampeln ein, meint aber Kreisel. Die vielen Abzweigungen dazwischen erwähnt er nicht. Ich finde nicht den Weg. Frage junge Leute, sie sprechen gut deutsch. Schicken mich in die gleiche Richtung, kennen aber nicht den Campingplatz. Ich arbeite mich nach Neuf-Brisach vor. Frage wieder, bekomme unterschiedliche Angaben. Der Himmel wird dunkel und Wind kommt auf. Am liebsten würde ich an Ort und Stelle mein Zelt aufschlagen. Da entdecke ich das Hinweisschild. Wenigstens keine Abzocke. Knapp 8,00 € für eine Nacht. Genervt schiebe ich meinem Schwertransporter Richtung Wiese. „Hallo, hierher!“ Zwei Zelte stehen schon. Nico war auch in Kehl. Daneben zeltet Jam aus Bristol. Die beiden lernten sich vor einer Stunde bei der Campingplatz-Suche kennen. Kauften vor Verzweiflung Wein. Jam schwenkt die Buddel und fragt als erstes nach meiner Tasse. Sie bekamen auch eine Zeichnung, die nicht weiterhalf. Die Wolken haben sich verzogen. So können wir wenigstens quatschen und in Ruhe Wein trinken.

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TAG 27

Mittwoch 3. Juli, Neuf-Brisach - Berrwiller - 49 km

Gegen Morgen ein fieses Geräusch. Regen. Es hilft nichts. Ich krieche aus meiner kleinen Behausung. Die Regenjacke ist im Packsack und der liegt vor dem Zelt. Raus mit der Jacke und im Laufschritt zur Toilette. Ich verzichte auf Müsli und Tee, begnüge mich mit Pumpernickel und Wasser. Schließlich will ich heute das Ziel meiner Tour erreichen, und das ist Berrwiller bei Isabelle und Regis. Mit den beiden kurbelten wir im letzten Jahr durch die Karpaten. Als fantastisches Radfahr-Team. Und freuen uns auf das Wiedersehen. Werner wird mich mit Auto und Radträger abholen.

„Karen, es ist nicht dein Ernst, dass du jetzt los willst“, tönt es aus Nicos Zelt. Klar packe ich alles im Regen ein und düse um neun los. Bis Berrwiller sind es etwa 45 km, die werde ich ja wohl auch bei Regen schaffen. Nico sieht ein, dass er mich nicht aufhalten kann. Die Männer schauen verstohlen aus ihren Zelten und winken, als ich starte. Keiner traut sich raus.

Beim zweiten Versuch finde ich die richtige Straße. Regen ist lästig, viel schlimmer jedoch Wind. Von vorn oder von der Seite. Auf jeden Fall stark böig. Im Schneckentempo quäle ich mich von Dorf zu Dorf. Nicht immer gibt es Radwege. Die Autofahrer sind zu meinem Glück auf Radler eingestellt. Der Regen lässt nach. Im Nu bin ich trocken. Kommt der Wind von der Seite, drückt er mich fast von der Straße. Wie gern hätte ich in einer Patisserie etwas Leckeres gegen den Frust gefuttert, doch es taucht keine auf. Wildkräuter gibt es nur zwischen Straße und gedüngten Maisfeldern. Lieber nicht. Also Pumpernickel aus der Jackentasche und Wasser ohne Geschmack. Die Vogesen kommen näher. Wenn Berrwiller auf einem Berg liegt, bin ich erledigt. Bei dieser Windstärke schaffe ich auf ebener Strecke nur 9 bis 12 km /h, einen Berg komme ich heute nicht hoch. Aus meinen Gedanken reißt mich ein vor mir haltendes Auto. Ein Pärchen springt raus. Überfall? Oder wollen die beiden mich freundlicherweise samt Rad und Gepäck einladen und an mein Ziel bringen? Weder noch, sie suchen einen Ort ganz in der Nähe. Wir finden ihn auf meiner Karte und weg sind sie. Ich stemme mich weiter gegen den Wind und habe es 13.30 Uhr bis Bollwiller geschafft. Noch 3,5 km. Ich beschließe, alle 100 m anzuhalten, sollte es bergan gehen. Doch die Strecke ist eben, nur eine kleine Steigung zu einer Brücke. Oben angekommen breitet sich vor mir Berrwiller aus. Nicht auf, sondern malerisch vor den Weinbergen. Erleichtert, der Bergfahrt entkommen zu sein, krieche ich meinem Ziel entgegen. Kurz vor zwei drücke ich am Ortsschild den Auslöser der Kamera. Frage mich zur Rue Croisiere durch. „Karen ist da!“ Regis steht am Fenster und wedelt mit den Armen.

Nach einer Stunde bin ich geduscht, satt und erholt. Mein Zelt kommt auf die Wäschespinne. Es wird noch mehrmals nass. Isabelle verlangt von mir alle schmutzigen Klamotten. Die letzte Etappe war eine Strapaze. Ich weiß nur noch nicht, dass diese Strapaze übertroffen wird. Kaum dass ich gefaulenzt habe.

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TAG 28

Donnerstag 4. Juli, Berrwiller - Hartmannswillerkopf - 33 km

Heute kommt Werner. Ich bin glücklich. Wir erwarten ihn gegen Mittag. Der Regen hat sich verzogen und wir wollen bis dahin eine Runde drehen. Isabelle und Regis mit Rennrädern, ich mit meinem Packesel. An Regis Rennrad entdecke ich drei Kettenblätter. Mein Rennrad hat nur zwei von der Sorte. „Velo für alte Mann“ lacht Regis verschmitzt, als ich darauf zeige. Der Garagenschlüssel kommt in den Busch und für Werner kleben wir einen dezenten Hinweis ans Garagentor. Sollte er vor uns da sein und die Garage öffnen, stolpert er über eine Pulle Sekt.

Regis kurbelt mir uns in die Berge. Obwohl mein Stahlross 17,5 kg wiegt, fahren mir die beiden nicht weg. Die Steigungen sind mäßig und ich bin schließlich trainiert wie nie zuvor. Das Ziel ist der Hartmannswillerkopf. Hier prangt ein Schild: „Grand Ballon 7 km“. Ein paar Rennradfahrer stärken sich für den Gipfel. Da hoch? Ich bin nicht verrückt. Wer weiß wie steil die 7 km sind. Und mein Rennrad fristet sein Dasein zu Hause in der Garage. Wir ziehen uns Windjacken über und sausen den Berg auf der anderen Seite runter. Als wir in die Rue Croisiere biegen, steht Werner vor der Garage und versucht das Schlüssel-Versteck zu deuten. Schluss mit Telefon-Kontakt. Wir liegen uns in den Armen.

Die Wetteraussichten sind bestens. Regis schlägt einen verrückten Trip vor: Wir bezwingen morgen den Grand Ballon. Quatsch. Schnapsidee. Werner will mich abholen und nicht auf die Berge. Zumal er kein Rad mitgebracht hat. Regis holt sein Trekkingrad. Es ist für Werners zu klein, aber er stellt Lenker und Sattel hoch. Werners Ehrgeiz ist angestachelt. Die Kerle sind verrückt. Sie beschließen, bei gutem Wetter morgen nach dem Frühstück zu starten. Erst Hartmannswillerkopf, dann Grand Ballon. Isabelle muss arbeiten. Soll ich etwa so lange das Haus hüten? Nein, das lasse ich mir nicht nehmen. Bis zum Hartmannswillerkopf war ich schon, und die 7 km bis zum Gipfel werde ich ja wohl packen. Doch insgeheim wünsche ich mir für morgen Blitz, Donner und Wolkenbruch …...

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TAG 29 - Tag 31

Freitag 5. Juli - Sonntag 7. Juli

Berrwiller - Grand Ballon - Proseken - 67 km

Nichts mit Sauwetter. Die Sonne strahlt. Und windstill ist es noch dazu. Regis fährt eine andere Route als gestern zum Hartmannswillerkopf. Kürzer und steiler. Kein Problem für mich. Doch wir wollen höher hinaus. Unsere Wasserflaschen sind schon ziemlich leer, wir müssen nachtanken. Regis saust an der anderen Seite den gerade erklommenen Berg runter. In einem Dorf finden wir kein Geschäft und klingeln an irgendeiner Haustür. Eine Frau füllt unsere Flaschen. Wieder bergan. Zuerst dachte ich, Regis will die Tour abbrechen, weil dunkle Wolken aufzogen. Nein, Serpentine reiht sich an Serpentine. Werner gibt auf Regis Trekkingrad nicht gerade die sportlichste Figur ab. Ich kenne ihn, er wird durchhalten. Ab und zu überholen uns Rennradfahrer und grüßen freundlich. Manche Männer sitzen im Auto und die Räder fahren auf dem Dach mit. In der Blechkiste hoch, und während der Abfahrt brauchen sie nur Muskeln zum Bremsen - wie unsportlich. Da können wir nur „Memmen“ hinterher rufen. Nach jeder Kurve denke ich, das schaffst du nie, die Straße ist so steil. Doch es geht. Ab und zu halten wir. Trinken und Riegel essen. Der Wald wird lichter. Die Kuppel der Radarstation vom Gipfel zeigt sich immer öfter und mit jeder Serpentine kommt sie näher. 15 % Steigung. Nun wird es haarig. Immer öfter stoppen. Warten, bis sich der Herzschlag entspannt. Regis klingelt an der erstbesten Tür und schwatzt den Bergdorfbewohnern Wasser ab. Trinken und nochmals trinken. Kurz vor dem Gipfel soll eine Auberge kommen. Wieviel Kurven sind es noch? Ich habe diese Strapaze gewollt. Und finde eine Strategie, die Tortur besser zu ertragen. Ich frage mich: Wann ging es mir richtig schlecht? Mir fällt eine Nacht im Krankenhaus vor sechs Jahren ein, als ich wegen entsetzlicher Schmerzen sterben wollte. Ha, nichts leichter, als auf den Grand Ballon zu radeln. Auch als der Straßenbelag schlechter wird und meine Reifen an dem groben Asphalt zu kleben scheinen, trete ich fröhlich in die Pedalen. Plötzlich ein Haus, die Auberge. Die Zufahrt ist noch viel steiler als die Passstraße, ich will unten absteigen. Doch vom Biergarten sehen mindestens fünf Augenpaare auf mich runter. Nein, denen zeige ich, dass ich die letzten Meter auch noch packe. Oben krieche ich völlig erledigt vom Rad.

Als wir in der Auberge bei einer Käseplatte sitzen, gestehen die Männer, dass sie auch erst unten vom Rad wollten. Bei so vielen Zuschauern steigt „Mann“ aber nicht ab. „Frau“ auch nicht. Die Männer schütten Bier in sich rein, ich Apfelschorle.

Weiter geht es, nur noch eine Kurve. Regis hatte zwar prophezeit, dass der letzte km am steilsten ist, doch mir kommt es zumindest nicht so vor. Ruck zuck sind wir am höchsten Punkt der Passstraße. Fahren nochmal zurück zum Schild: Grand Ballon 1325 m und fotografieren uns. Klopfen uns gegenseitig auf die Schultern und sind mächtig stolz auf uns. So erschöpft wie wir waren, so schnell erholen wir uns. Regis diskutiert mit Harley-Fahrern und er gibt doch wirklich damit an, dass er eine Frau dabei hat, die mit Muskelkraft oben angekommen ist.

Die Abfahrt nehmen wir in Raten. Halten ein paar mal an, um den Blick zurück zu genießen und Abschiedsfotos zu schießen. Zwei Rennradfahrer quälen sich die letzten Kurven hoch. Einer fährt Schlangenlinien und fällt fast vom Rad, deshalb feuern wir ihn an. Wir dürfen das - wir kommen schließlich von oben. Als uns der Wald aufnimmt, rasen wir den Berg runter. Hier wird mir erst bewusst, wie viel Höhenmeter ich geschafft habe. Unten schmerzen die Hände vom Bremsem.

Wir müssen nach Hause. Montag früh werde ich wieder radeln – doch nur 7 km ins Büro. Deshalb müssen wir uns schweren Herzens verabschieden. Isabelle packt uns Marmelade und frisch gebackenes Brot ein.

Wir übernachten unterwegs. Die Bergtour steckt uns in den Knochen. Sonntag Nachmittag parken wir vor der Garage. Mein Reiserad hat Pause. Aber nur zwei Wochen.....

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Nun weiß ich endlich, wie weit man bei körperlicher Anstrengung mit Wildkräuter-Ernährung kommt: Erstaunlich weit. Mit Müsli und etwas Wildgrün morgens, vier Körnerriegel und viele Wildkräuter tagsüber sowie einer warmen Mahlzeit oder Brot abends radelte ich teilweise 100 km und mehr. Ohne Müdigkeit, Hungerattacken oder schwindende Kraft. Nur selten habe ich tagsüber einen Bäcker für Kaffee oder Brötchen angesteuert. Mein Selbst-Test war erfolgreich.

 

Herzlichen Dank allen, die dazu beitrugen, dass diese Reise zu einer besonderen Erfahrung für mich wurde. Dazu gehören meine wunderbaren Freunde und Verwandten, die sich in Gedanken und anhand der Landkarte an meine Reifen hefteten. Und die, bei denen ich unvergessliche Tage verbringen durfte:  Die meine stinkenden Klamotten wuschen, mich verpflegten und umsorgten, mit mir redeten, einkaufen und wandern gingen. Auch denke ich immer wieder an die nicht zu wiederholenden Begegnungen und Gespräche. Und sehr gern an alle Hilfsbereiten:  Meine uneigennützigen Pannen-Helfer und freiwilligen Führer durch die Städte-Dschungel. Nicht zuletzt an alle Radler, die mich ein Stück begleiteten. 

 

 

- - - - ENDE - - - -

 

 

 

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Lebenskünstler ist, wer seinen Sommer so erlebt,

dass er ihm noch den Winter wärmt. 

Alfred Polgar

 

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