TAG 9

Samstag 15. Juni, Büchenwerra - Camping in Ungedanken bei Fritzlar - 58 km

Heute habe ich keinen Radel-Partner und schon stehe ich nicht um 5.30 Uhr auf, obwohl ich wach bin. Als ich mich um 7.15 Uhr gemächlich aus dem Schlafsack pelle, tappe ich als erstes wieder zu meinem Rad, die Reifen prüfen. Alles in Ordnung. Um 9.00 Uhr packe ich das Zelt ein. Ein Dauercamper, der mich seit gestern beobachet, bietet mir ein Vollkornbrötchen an, doch ich lehne dankend ab. Bin satt von Müsli. Dass ich unterwegs Wildkräuter esse, interessiert ihn nicht.

Ich fahre am R 1 zurück bis Guntershausen und rolle vorbei an Mohnblumenwiesen die Serpentine runter, die ich auf dem Weg hierher auf dem Eder-Weg umfahren habe. Nein, diese Steigung hätte ich Donnerstag Abend nicht mehr gepackt. Nun bin ich wieder am Eder-Weg und halte an der Edermündung. Aus einem Auto schaut ein Gesicht mit Hut und schickt mich zur richtigen Stelle. Frage mich, warum niemand für die letzten Meter ein Schild übrig hatte. Ich steige vom Rad und rutsche fast aus. Unter meinem linken Schuh klebt glitschige Scheiße. Von wem auch immer diese stammen mag, Mensch oder Tier, Scheiße bleibt Scheiße. So sitze ich an dem sich teilenden Fluss auf einem Stein und stochere mit einem Stöckchen die stinkige Masse aus Klicki und Profil. Sollte es heute Abend regnen, müssen die Schuhe ins Zelt – pfui, mir wird schlecht.

Ich folge der E-Beschilderung für Eder-Radweg. In meiner Karte ist zwar ein anderes Zeichen, braun mit geschwungenem Fluss, aber E steht für Eder, habe ich mir sagen lassen. Außerdem ist es der R 10, aber diese Ausschilderung fehlt. Verstehe es wer will.

Ein Schotterweg führt durch einen kleinen Urwald. Ich fotografiere und futtere Knoblauchrauke, als ein Mann mit Hut und zwei Hunden an der Leine vorbei kommt. Die üblichen Fragen. Aber nicht, ob ich Angst habe. Doch zum dritten Mal die Vermutung, dass meine Hinterradnabe ein getarnter Akku ist. Ortliebtaschen hätte er auch, doch lange nicht benutzt. Na dann mal rauf aufs Rad. Wir reden über Wildkräuter und Trekking- und Radtouen. Der Mann fragt, ob er unsere Touren im Internet nachlesen kann. Ich gebe ihm eine Karte. Er will sich sofort die Wildkräuterseite ansehen. 

In Wolfershausen entdecke ich eine R 10- Markierung. Und bald darauf halte ich an, um das echte Edertal-Symbol aufzunehmen. Ein Mann bestaunt mein beladenes Stahlross. Das Edertal ist gesäumt von sanften Anstiegen, unterbrochen von bewaldeten Bergkuppen. Eine Burg thront auf einem Berg. Der Radweg führt in diese Richtung. Bald bin ich in Felsberg mit der weithin sichtbaren Festung. Gerade denke ich, dass ich mir heute am Samstag, außer Löwenzahn und Brennnessel, beim Bäcker ein Brötchen und Kaffee gönnen werde. Wie gerufen steht hinter einer Kurve ein Bäckerwagen. Der Kuchen lacht mich an. Ich bleibe stehen. Die Verkäuferin wird auf mich aufmerksam und fragt mich gemeinsam mit einer Kundin aus. Die ältere Frau im gepunkteten Kleid stellt die Mutter aller Fragen. Nein, wenn ich Angst hätte, würde ich zu Hause auf der Couch sitzen. Etwa 650 km bin ich von der Ostsee geradelt. Die beiden sind baff. Ich frage nach Kaffee, aber im Bäckerwagen gibt es nur Kakao aus der Packung. Ist auch in Ordnung. Die nette Verkäuferin hat eine Idee. Sie erklärt mir den Weg zum Backshop und ruft ihre Kollegin an. Mein Kaffee geht aufs Haus. Soll ich von Tanja ausrichten. Unglaublich. Kurz danach stehe ich vor Bäcker Rössel. Kaffee steht bereit. Ich soll mir gleich zwei Stücke Kuchen aussuchen. Tanja ruft nochmal an, ob ich den Weg gefunden hätte. Der Kuchen, Rhabarber und Apfel, ist lecker. Die freundliche Frau schenkt mit ungefragt Kaffee nach. Sie weiß von Tanja, dass ich von der Ostsee komme und erzählt, dass sie oft in Heiligenhafen war. Ich kann gar nicht fassen, was hier abläuft. Ein Engel schickt mich zum nächsten Engel. Der Kuchen geht auch aufs Haus. Danke an die reizenden Frauen von Bäcker Rössel. Sie taten es gern und ließen mich beschwingt weiter fahren. Als ich auf meinem Stahlross durch die traumhaften Ederauen gleite, frage ich mich, warum nicht alle Menschen so liebenswürdig zueinander sind. Kostet nur ein Lächeln und ehrliches Interesse am Mitmenschen – und beglückt beide Seiten. Und würde die Welt unendlich bereichern.

Vor Fritzlar sieht der Himmel nach Gewitter aus. Doch der Wind treibt die Wolken auseinander. Ich suche die Ausschilderung des R 4 nach Süden. Leider vergeblich. Wo sich E und R 4 teilen und ich unschlüssig vor der Karte stehe, radeln junge Leute heran. Beide ziehen Anhänger mit Nachwuchs. Wir rechnen aus, dass Kind plus Hänger etwa so viel wiegen wie meine Taschen. Der Mann erkennt sofort meine Hinterradnabe als Rohloff-Schaltung. Endlich einer, der Bescheid weiß. Den Weg kennen sie leider nicht, empfehlen mir aber bis Wega auf dem E-Weg zu fahren und über Bad Wildungen Richtung Süden. Ich folge ihrem Rat und entdecke gleich hinter Fritzlar, in Ungedanken, einen Campingplatz. Habe keine Lust weiter zu suchen und bleibe hier. Zwei Männer stellen gerade ihre Zelte auf. Sie kommen vom Edersee. Die beiden schauen interessiert zu, wie in Windeseile meine kleine Stoffbehausung steht. Ein Wohnmobil stellt sich in unsere Nähe. Nette Leute. Sie fragen das Übliche und ich erzähle. Die Frau rät mir alles aufzuschreiben. Dann fahre ich nach Fritzlar zurück, kurbele zur Altstadt empor. Ich hoffe eine Karte von Edertal-Radweg zu ergattern. Könnte vielleicht meine Tour erweitern. Leider vergeblich. Ich frage ein älteres Pärchen. Fritzlar hat geschlossen samstags um halb sechs. Auf dem Weg zurück spreche ich junge Leute mit viel Gepäck an und darf auf ihre Karte schauen. Von Frankenberg bis zum Edersee sind es 50 km. Aber keine Zeltplätze, wo ich sie brauchte. Vielleicht haben die beiden Radler neben mir eine andere Karte. Doch aus deren Zelten kommen Schnarchgeräusche.

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TAG 10

Sonntag 16. Juni, Ungedanken - Camping Aumühle in Gemünden/Wohra - 35 km 

Heute früh kann ich doch noch auf die Karte der beiden Radler schauen. Sie kommen von Ansbach, sind gut 800 km unterwegs. Wollen nach Kassel und mit dem Zug zurück. Zwei lustige Typen. Ich beschließe, den Edersee auszulassen. Erstens ist es ein Touri-Gebiet – und die meide ich wie die Pest. Zweitens ist heute Sonntag und bestimmt noch mehr los.

Ich fahre bis Wega. Hier verlasse ich den Eder-Radweg und biege ab nach Bad Wildungen. Bei Mercedes entdecke ich eine Luftpump-Station. Uralt. Ein alter Mann sitzt auf einer Bank und kommt herbei. Ich stecke den Schlauch aufs Ventil und er betätigt den antiken Hebel. 5 bar vorn und hinten. Die Reifen haben kaum Luft verloren, ich bin beruhigt. Die Pumpstation sei 70 Jahre alt, erklärt mir der Mann. Echte deutsche Wertarbeit.

Nun habe ich die hessischen Berge vor mir. Es regnet nicht, doch Gegenwind ist mein Feind. Alle Grashalme verneigen sich vor mir. Jede noch so kleinste Steigung fühlt sich an wie treten gegen eine Wand. Der erste nicht enden wollende Anstieg hinter Bad Wildungen geht bis Odershausen. In einer Kurve ist Vorfahrt zu beachten, zum Glück muss ich nicht vom Rad. Ich wäre nicht wieder raufgekommen bei dieser Schräglage. In Braunau ist die Kirche verschlossen. Sechs km bis Bergfreiheit. Ich folge dem R 5. Der führt in einen Wald. Der Wind ist endlich ausgesperrt. Die Sonne zeichnet Muster auf den von Waldmeister übersäten Boden. Schotterpiste bergauf und bergab. Ein Pärchen auf Mountainbikes kommt mir entgegen. „Mann o Mann“ höre ich gerade noch, nachdem sie freundlich grüßten und mitleidig lächelten. Irgendwann schlängelt sich der R 5 auf dem Asphaltband weiter. Kein Radweg. Die Autofahrer sind anständig. Die nächste Steigung starker Gegenwind. Doch es geht immer leichter. Ich denke an die Karpaten im letzten Jahr, bei sengender Hitze bezwang ich jeden Berg. Mehrere Motorradfahrer trauen ihren Augen nicht und drehen gleichzeitig ihre behelmten Köpfe in meine Richtung. Ich erklimme eine Ortschaft und belohne mich mit mehreren Riegeln und viel Wasser.

Bergfreiheit erreicht. Pause im Schneewittchendorf. Ich kontrolliere, ob die Packsäcke fest sitzen. Mist. An einer Hinterradtasche hat sich die Haltleiste gelöst. Die Schraube kann ich noch retten. Packe um. Aus einem urigen Gasthof kommen gesättigte Leute. Ob es in Gemünden ein Radgeschäft gibt, wissen sie nicht. Eine Frau aus Fritzlar kennt sich nur dort aus. Mit Übergewicht auf einer Seite fahre ich weiter. Was soll ich machen. Muss froh sein, wenn die Tasche bis Gemünden hält. Die nächste Steigung hinter Dodenhausen finde ich nicht mehr schlimm. Die Abfahrt aller Abfahrten kann ich richtig genießen, denn sie endet in Gemünden. Malerisch liegt der Campingplatz an der Wohra. Ich spüre den Platzwart auf und breite mich auf einer schönen Wiese mit Hecke aus. Einen Radladen gibt es nicht, im Baumarkt werden aber Räder verkauft. Naja, die haben bestimmt keine Ortlieb-Taschen. 5,50 € kostet die Wiese. Dafür nehme ich gern in Kauf, dass es weder Stuhl noch Tisch noch Klopapier gibt. Der Sanitärbereich ist nicht neu, aber sauber. Als erstes leere ich die defekte Tasche und finde die Mutter. Schraube die Leiste zusammen und sinke ins Gras. Schaden behoben. Ohne Baumarkt. Nach einer Stunde Tiefschlaf schlendere ich durch den Ort. Hübsch, viele Fachwerkhäuser. Aber kaum Menschen am Sonntag Nachmittag. Gönne mir eine Pizza als Belohnung für die Bergetappe. Später ziehe ich mit der Kamera los. Heute erzählt mir Werner, dass ihm allein langweilig ist. Ich bin beruhigt - er vermisst mich.

Abends im Waschraum Plauderei mit zwei Dauercamperinnen. Sie empfehlen mir Marburg als Pausentag. Der Campingplatz dort liegt direkt an der Lahn. Ich lasse mich überraschen. Die beiden haben mich vielleicht überredet.

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TAG 11

Montag 17. Juni, Gemünden/Wohra - Camping Lahnaue Marburg - 39 km

Heute Vormittag setze ich mich vor das kleine Campingplatz-Restaurant und schreibe. Mein beladenes Rad schon neben mir. Schön im Schatten. Es ist heiß. Eine Dauercamperin von gestern Abend gesellt sich zu mir. Wir reden eine ganze Weile. Nach einem Radunfall musste sie wegen gebrochenem Wirbel lange liegen und ein Korsett tragen. Ich soll gut auf mich aufpassen. Erst gegen 12 Uhr starte ich. Will heute nur bis Marburg, etwa 35 km.

Zuerst fahre ich zum Bäcker im Ort. Kaffee und Brötchen. Mein Spezial-Müsli horte ich für härtete Etappen. Als ich los fahre, steigt ein Mann vom Rad. Die üblichen Fragen. Er duzt mich. „Wartest ´ne Stunde, ich packe und komme mit.“ Na dann mal los. Er holt mich ein und ruft: „Bis heute um fünf in Marburg auf dem Zeltplatz!“ Witzbold. Sportlich sah er nicht aus. Er verspricht mir noch einen wunderschönen Radweg bis Kirchhain. Und hier hatte er nicht übertrieben. Birken spenden Schatten. Sanfte Anhöhen, teils bewaldet, manchmal Pferde- oder Rinderweiden. Buschreihen schlängeln sich empor und trennen Felder voneinander. Ich kann mich kaum satt sehen. Verblühte Rapsfelder, die Ränder geschmückt mit Korn- und Mohnblumen, rot wie meine Radtaschen. Bachstelzen hüpfen vor mir her. Hahnenfuß ganz in gelb, konkurriert mit Rotklee, Margeriten und Lupinen, Lichtnelke, Wundklee, Schafgabe, Schöllkraut. Immer wieder einzelne Bauernhöfe. Ein besonders charmanter nennt einen Bauerngarten sein eigen. Davor eine Kastanienallee. Der Rhododendron ist fast verblüht.

In Wohra rolle ich an Autohäuser vorbei und bin dankbar, nicht mehr – wie vor Jahren – mit Blechkisten meine Brötchen verdienen zu müssen. Ein Milan schwebt hoch über mir durch die Luft. Und, nicht zu fassen – Rückenwind.

Der Duft von frisch gemähten Wiesen betört meine Nase. Wieder ein Milan. Verfolgt er mich? Der Himmel ist blaugrau, von einzelnen Wolken überzogen, die ab und zu wohltuend Schatten spenden.

Hinter Rauschenbach rauscht ein rauschender Bach, die Wohra, zu meiner Linken. Die Wegränder sind auch hier nur spärlich oder gar nicht gemäht. Ich komme nur langsam voran. Immer wieder tut sich vor mir ein noch schöneres Fotomotiv auf. Nur allein kann ich diese Tour richtig genießen. Mit einem Partner, egal mit wem, kann man nicht so oft anhalten und die Kamera zücken. Es sei denn, er teilt diese Leidenschaft.

Ab Kirchhain führt der Weg an der Bahn entlang. Zwischen Gleis und Weg die wildeste Natur und immer wieder Orchideen. Zur Abwechslung wieder ein Fluss. Die Ohm begleitet den Radweg ab Anzefahr. Hinter einer Brücke halte ich, wie kann es anders sein, zum Fotografieren. Eine junge Frau radelte hinter mir und wundert sich über mein Gepäck. Sie stellt die üblichen Fragen. Beeindruckt schwingt sie sich aufs Rad.

Bei Cölbe ist die Ohmmündung ausgeschildert. Nicht dass ich wieder in Scheiße trete wie an der Edermündung. Ich halte nicht an. Plötzlich ist der Fluss breiter. An einer Staustufe wird sich am Ufer gesonnt. Ein Schild: Hier fließt schon die Lahn. Hinter Cölbe Expert rechts und Baumarkt links. Am Berg das Schloss und ein spitz aufragender Kirchturm – Marburg in Sicht. Auf dem Radweg wird es eng. Jogger mit und ohne Kinderwagen, Skater, Radler, Fußgänger. Ich rolle hinter einer Truppe in einheitlicher Radkleidung mit wenig Gepäck her. Geführte Tour oder Ausfahrt der ADFC-Ortsgruppe. Wir überholen einen Skater. „O, nur die Letzte so schwer bepackt.“ tönt es hinter mir. Das muss ich klar stellen und halte an. „Bin allein unterwegs, rolle hier nur zufällig hinterher.“ Der Mann ist beeindruckt von meiner Solo-Tour und meinem Rad. Er bezichtigt mich nicht - wie nett - mit Akku durch die Gegend zu rollen. Rohloff-Schaltung kennt er nicht. Ich erkläre sie ihm, auch das E-Werk. Er war schwer krank, eine Depression raubte ihm allen Lebensmut. Er ist glücklich, dass er es schafft, wieder die Wohnung zu verlassen, sich zu bewegen und Leute anzusprechen. Ehe kaputt, Ärger in der Firma – das war zu viel. Ich weiß, wovon er redet. Er bedankt sich für das interessante Gespräch. Bin beeindruckt – dass er so viel von sich preis gab. Miteinander reden ist für beide Seiten ein Gewinn. Gerade auch diese Wortwechsel machen für mich die Reise aus. Ich erzähle und ich erfahre.

Auf den Wiesen sitzen junge Leute, das Gewusel nimmt zu. Vorsichtig rolle ich an der Lahn entlang. Mein Zelt steht bald auf einer Wiese am Fluss. Mit Tisch und Bank und Grillstelle. Leider brettern an der anderen Seite unentwegt Autos vorbei. Ohne Schallschutzwand wäre es noch lauter. Heute ist mir wieder kein Schwertransporter begegnet. Diese Sorte Radler ist und bleibt eine Rarität.

Ich marschiere in die Altstadt. Traumhaft. Frage ein paar junge Leute, die gerade einen Platten am Rad beheben, nach einem Trekkingladen. Sie sind sehr nett und zeigen mir die Straße auf dem Stadtplan. In der Barfüßler-Straße im Barfüßler-Cafe esse ich Nudeln. Zwischen – wie kann es anders sein – lauter Studenten. Sie kotzen über ihren Prof ab. Ich glaube, Leute in meinem Alter kommen hier nicht vor. Zum Glück stellen sich Studenten mit Eltern ein. Sie diskutieren über die Schwierigkeiten, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Das Abendlicht ist wunderschön und ich erklimme die vielen Stufen zum Schloss. Ausblicke vom Feinsten. Hier sitzen sie wieder, die Studierenden. Mit Bier, Sekt, Wein und Pizza auf der Schlossmauer und lassen die Beine und Gedanken baumeln. Einige in trauter Zweisamkeit. Zurück zum Campingplatz. Die andere Seite Marburgs ist nicht zu übersehen. In einer Unterführung liegen Obdachlose. An einer Treppe sitzt rauchend eine alte Frau und zieht Wollfäden durch die Finger. Doch niemand bettelt. Hätte die Hosentaschen umgekrempelt – meine Mäuse sind woanders deponiert.

Auf der Zeltwiese steht nun noch ein Zelt mit Rad. Ein Mann liegt im Gras. Grüßt nicht zurück. Kriecht in sein Refugium und macht die Schotten dicht. Alles klar, diese Sorte Radler gibt es auch. Die Unfreundlichen. Nicht Geprächsbereiten. Vielleicht tue ich ihm Unrecht und er will nur seine Ruhe haben. Morgens erwidert er den Gruß. Rafft sein Zeug und weg ist er.

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TAG 12

Dienstag 18. Juni, Marburg - Camping am Dutenhofener See bei Gießen - 41 km

Da Tisch und Bank vorhanden, bin ich früh aus dem Schlafsack und vervollständige mein Reisetagebuch. Die Vögel übertönen mit ihrem lautstarken Morgenkonzert fast den Verkehr. Natürlich marschiere ich zum Trekkingladen. Die Jungs hatten nicht übertrieben. Gut sortiert und Leute, die Ahnung haben. Die junge Verkäuferin fuhr in den Semesterferien mit Rad und viel Gepäck zur Ostsee, dabei kreuz und quer durch die Mecklenburger Seenplatte. Auch Mallorca hat sie radelnd umrundet. Solche Leute gehören in diese Branche. Und nicht diejenigen, die noch nie selbst ein Zelt aufbauten. Ich nehme für 1,95 € eine Löffel-Gabel-Kombination zum Klappen, da mein Löffel seit ein paar Tagen zweigeteilt ist.

Erst gegen 12 Uhr rolle ich los. Bis Gießen sind es nur 35 km. Nicht ohne genug Wasser zu bunkern. Der Wassersack bewährt sich. Bald habe ich eine Radlerin neben mir. „Respekt“ höre ich. Sie ist nun Rentnerin, hat Zeit, traut sich aber nicht allein loszufahren. Im nächsten Moment behauptet sie keine Angst zu haben. Ja, was denn nun? Vielleicht habe ich sie überredet, ihr Rad zu beladen und die Welt zu bestaunen. An einem Schwimmbad hält sie an, empfiehlt mir hier eine Pause einzulegen. Menschenmassen sind mir zuwider. Ich trete in die Pedalen. Das Lahntal ist weiter als das Weser- und Fuldatal. Die Anhöhen sind hier eher Hügel. Die Wegränder gründlich gemäht. Vor mir fahren Holländer (mit wenig Gepäck). Ich überhole und sage „Mooi weer“ (Schönes Wetter). Die Limburger lachen und grüßen freundlich. Wir überholen uns ein paar Mal. Heute ist es heiß und alle Radler halten an, um zu trinken. Ein älterer Mann, er fuhr schon den Diemel-Radweg, begegnet mir mehrmals. „Outback-Hitze“ stöhnt er. Mein Thermometer zeigt 37,6 Grad. Karpatenhitze ist es noch lange nicht. Dort radelten wir letztes Jahr bei 57 Grad durch die Berge. Hier gibt es einen Ort namens Wißmar. Also wie unser Wismar, nur mit ß. Neugierig biege ich ab. Nicht viel los. Ich suche ein Schild als Beweis. Fahre eine Ausfallstraße in der Hoffnung auf ein Straßenschild. Vergeblich. Nehme, als Ersatz, zwei Firmenschilder mit Adresse und die Radweg-Ausschilderung auf. Zurück zum Radweg. Plötzlich doch noch das Ortsschild. Wer wohl in Wismar schon mal von Wißmar gehört hat? Einen See hat der Ort zu bieten. Und einen Campingplatz. Ich will aber weiter.

In Lollar trinke ich bei Bäcker Horst Kaffee und esse Rhabarber Kuchen. Im Geschäft sind Bäcker und Schlachter glücklich vereint. Die Verkäuferinnen staunen über meine Tour. Und wieder die Mutter aller Fragen, die ängstliche Frage nach der Angst. Wenn ich Angst hätte, würde ich zu Hause auf der Couch sitzen und mir vielleicht das meist lausige Fernsehprogramm reinziehen. Aber genau davor habe ich Angst, große Angst sogar. Vorm fett werden und verblöden. 

Der Radweg durch Gießen führt immer an der Lahn entlang, manchmal durch Gartenkolonien. Die Ausschilderung, trotz Umleitung, ist lückenlos. In der Nähe der Autobahn holt mich der ältere Radler ein. „Hier bin ich wieder“ tönt es neben mir. Er fährt ohne Navi und Karte, hat die Orte vorher im Internet recherchiert, fragt die Einheimischen und bittet andere Radler um einen Blick auf die Karte. Und kommt immer an. Umwege nimmt er in Kauf, die erweitern bekanntlich die Ortskenntnis. Frei nach Kurt Tucholski. Kann ich bestätigen.

Campingplatz am Dutenhofener See. Menschenmassen bin ich nicht mehr gewohnt. Doch hier wälzen sie sich Richtung Strand und zurück. Die Zufahrt ist verstopft mit Fußgänger, Autos, Radfahrer, Kinderwagen-Schieber. Jugendliche mit Handy am Ohr registrieren nicht meine Klingel. Im Schneckentempo taste ich mich voran. Neben dem Campingplatz eine Badestelle mit Kiosk und Restaurant. Ein kleines Schild verweist auf den Platzwart. Klingeln soll man.Tue ich, aber keine Reaktion. Irgendwann erscheint ein genervter Restaurant-Mitarbeiter. Er richtet vom Chef aus, ich soll zum Restaurant kommen. Und quäle mich mit meinem Schwertransporter durch die Schlange stehenden Strandbesucher. Hier habe ich das erste Mal Tacho und E-Werk sofort entfernt. Gefährlich, dieses undurchsichtige Gewimmel. Der Chef nimmt mich in Empfang. Ja, wir haben telefoniert. Ehe er mit mir am Zugang zum Zeltplatz ist, nimmt er noch zugerufene Bestellungen auf und vertröstet ein paar Gäste. So möchte ich nicht bedient werden. Eine Zumutung. Er lässt mich genervt an einem Kassenhaus stehen. Der heran gepfiffene Platzwart erscheint, knöpft mir 9,00 € ab, zeigt mir die Zeltwiese, weist in Richtung Sanitärgebäude und weg ist er. Ein paar Jugendliche zelten hier. Direkt am Wasser. Schön gelegen. Ein junger Mann kommt auf mich zu und fragt, ob er sich hier umziehen könne. Ich kann ihn nicht daran hindern. Als Entschädigung für das nervige Durcheinander gibt es Tisch und Bank. Ich kann in angenehmer Haltung schreiben. Das Sanitärgebäude ist ordentlich, aber keine Seife und Handtücher. Einem jungen Pärchen vermassele ich die ungestörte Zweisamkeit. In den See mag ich nicht springen. Er ist nicht groß und kann bei dem Andrang nur eine Urin- und Schweißpfütze sein. Also doch ab zur Dusche.

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TAG 13

Mittwoch 19. Juni, Dutenhofen - City-Camping Frankfurt - 88km

Der See ist größer als ich dachte. Um 5 Uhr schwimme ich schon eine große Runde. Zwei Wildgänse sitzen auf dem Steg. Ein Vogel trällert fröhlich auf einem Mast. Ich verdrücke am Wasser mein Müsli und lese. Um sieben bin ich startklar. Hinter Langgöns ruft Burckhard aus Heimerdingen bei Stuttgart an. Er erwartet mich in den nächsten Tagen und schaut in die Karte, wo ich stecke. Kurz vor Butzbach gesellt sich ein Rennradfahrer mit der Bemerkung „Na, das sind ja mindestens 40 kg“ zu mir. Ich soll unbedingt in Butzbach auf dem Markt einen Kaffee trinken. Ich schiebe mein Rad über das antike Pflaster. Vor einem Bäcker fragen mich zwei Frauen - beide tragen ein Shirt in pink - mit Hund fragen aus. Sie geben mir eine volle Stempelkarte vom Bäcker und sponsern damit meinen Kaffee. Ich schiebe mein Rad in den Schatten und werde schon wieder angesprochen. Die Frau pilgerte den Jakobsweg und ist neugierig auf meine Tour. Als ich mit Kaffee und Brötchen aus dem Geschäft komme, schieben mir die netten Damen in pink den Stuhl zurecht. Ich muss wieder erzählen. Oft radeln sie Tagestouren und kennen sich aus, beschreiben mir den Weg nach Bad Nauheim. Fragen, ob sie Informationen im Internet über meine Tour finden. Ich gebe den beiden meine Karte und nach ein paar Tagen melden sich die „two old ladies“ aus Butzbach. Herrlich. Ein paar Rentner am Nachbartisch schnappen unser Gespräch auf. Als ich los will wird diskutiert, aus welchem Wismar ich denn nun anrollte. Wismar an der Ostsee oder Wißmar bei Gießen. Ich kläre die „old men“ auf und schwinge mich auf meinen Schwertransporter.

Den beschriebenen Weg finde ich, doch nicht die richtige Straße über die Autobahn nach Nieder-Mörlen. Ein Mann schickt mich zur Hauptstraße. Ich komme in ein Dorf, doch es ist nicht das erwartete. Gleisbauer zeigen mir einen Weg entlang der Bahn und ich finde die richtige Piste. In Ober-Mörlen genehmige ich mir eine Pause unter einer Linde. Siesta ist Pflicht bei Affenhitze. Ein junger Mann schickt mich zurück zur Hauptstraße. Folge ich dem Schild nach Bad Nauheim, muss ich bei diesen tropischen Temperaturen einen Berg erklimmen. Also düse ich entlang der Bundesstraße und bin bald da. Ein Mädchen beschreibt mir exakt die Route nach Friedberg. Dort angekommen schaue ich auf meine Karte. Ein Mann hält und bietet mir Hilfe an. Der schnellste Weg an die Nidda führt nach Assenheim. Er schwingt sich auf sein Rad und saust mit mir durch den Ort. Nun kann ich die Ausfahrt nicht mehr verfehlen und bin bald in Buchenbüchen und Assenheim. Kurz nach 16 Uhr stehe ich an der Nidda. Lese von Denaturierungsmaßnahmen. Der Weg ist wunderschön, nur ein Campingplatz findet sich nicht. Die Anhöhen des Taunus kommen links in Sicht. Vor Bad Vilbel eine Umleitung. Teils geht es auf Schotterpisten durch Felder. Die Ausschilderung endet abrupt. Ein Rennradfahrer hilft ungefragt weiter. Bald die nächste Umleitung. Eine Frau fährt mit mir eine Abkürzung und Ruck zuck bin ich wieder auf dem Radweg. Frankfurts Hochhäuser tauchen auf. Die Nidda-Route ist als Frankfurts Grüner Gürtel ausgeschildert, und das ist nicht übertrieben. Natur vom Feinsten. Blumen blühen um die Wette, Reiher staksen durch die Wiesen. Und das mitten in einer Großstadt. Irgendwann taucht der Campingplatz auf. Wieder muss ich mich Rad schiebend durch Menschenmassen zwängen. Das gegenüberliegende Schwimmbad spült die Sonnenhungrigen auf den Parkplatz. Um so erleichterter bin ich, dass es auf dem Campingplatz wieder so ruhig und beschaulich ist wie am grünen Gürtel.

 

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