Den Blick zum Horizont und Wind im Gesicht

Allein über England ins Emsland - 5 Wochen und 2400 km

 

                         Foto: P. van Weele

 

7. Juli 2014 - wieder zu Hause in Proseken  

Die Radtaschen sind ausgepackt, die dreckigen Klamotten gewaschen. Bewegung fehlt mir ungemein. Schlafen im Haus - geht das überhaupt? Die Hosen viel zu weit, da hilft nur der Gürtel (habe ich noch vom letzten Jahr). Alternative: Hosenträger und Sicherheitsnadel. Drei kg sind weg. Werner meint, es sieht aus wie zehn. Ständig bin ich hungrig und weiß nicht, warum. 

Ob diese Tour empfehlenswert ist, wurde ich gefragt. Auf jeden Fall. Niederlande ist ein Traum für Radfahrer. Die Wege sind meist gut, die Ausschilderung bestens. Wer nach dem Knotenpunkt-System fahren will, braucht nur die passende Radkarte. Hier radelt groß und klein, alt und jung. Die Radtaschen sind oft so bunt wie die Blumenbeete. In Kisten wird so allerhand befördert: z. B. Kinder, Möbel, Blumenkübel. Und die Jugend rollt Händchen haltend durch die Gegend. In England sind Radler wie Radwege eher selten. Doch wer im Auto sitzt, nimmt auf Radfahrer Rücksicht. Deshalb ist Rad fahren in England trotzdem ein Vergnügen, zumal die Leute nett und interessiert sind. In Frankreich fand ich in Calais keine Ausschilderung des R 1. Der Weg bis Watten war voller Löcher, danach wurde es besser und irgendwann erspähte ich ein Schild. Da war ich fast in Belgien. Hier sind die R 1-Wege asphaltiert und verirren unmöglich - die Belgier führten das Knotenpunkt-System ein und der R1 ist gut markiert. 

Auf mein Gefühl konnte ich mich verlassen und auf Wunder sowieso. Nicht mit jedem wäre ich zusammen gefahren - nur mit Radlern, die sehr spezial sind. Wie Mark und Peet. "Keine Zeit hat jeder" las ich gerade. Ich bin nicht jeder............

 

27. Juni 2014 - 2400 km in Kluse/Deutschland

Die Campingplatz-Betreiber sind sehr an meiner Tour interessiert. Sie empfehlen mir ein kleines Cafe in Sellingen. Ich fahre jetzt zur Festung Bourtange und kann hier Kaffee trinken. Ein Auto hält neben mir. Der Fahrer stellt die üblichen Fragen. Er war auch schon mit einem schwer beladenen Rad unterwegs und fragt seitdem jeden Schwertransporter-Fahrer aus. In Sellingen stoppe ich am gemütlichen Cafe. Leckerer Kaffee und selbst gebackener Kuchen. Eine empfehlenswerte Adresse, Gon´s Theetoentje. Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, einen kleinen Sticker mit der niederländischen Flagge für mein Schutzblech zu finden. Deshalb frage ich – leider vergeblich – in einem kleinen Geschäft. Ich sehe schon von drinnen den nächsten Interessierten an meinem Rad. Der Nette fährt auch mit Rohloff-Schaltung und dreht seine Runden ebenso auf einem Sqlab-Sattel. Wo mein Rahmen her ist, möchte er wissen. Und natürlich wo ich her komme und hin will. Wir fachsimpeln eine Weile. Seine Frau ist wie ich recht klein, sie fand auch nicht auf Anhieb das passende Rad. Da er seit kurzem den Ruhestand genießt, ist er oft auf Achse. In Bourtange steuere ich sofort die Festung an. Doch nicht der letzte Pannenkoeken in Vorden, sondern in Bourtange. Leider ist es windstill. Die Bockwindmühle dreht sich nicht. Gern hätte ich sie in Aktion gefilmt. Werner meldet sich, er macht sich auf den Weg ins Emsland. Ich habe es nicht mehr weit. Nehme, da noch genügend Zeit, den Weg nach Rhede/Ems. An der Grenze zeigen mir zwei Frauen den Schlagbaum, der seit 1993 - dem Wegfall der europäischen Binnengrenze - keine Funktion mehr hat. Ich hätte ihn übersehen. In Rhede empfehlen mir nette Leute einen Bäcker. Es hat gerade angefangen zu regnen, ich muss mich irgendwo unterstellen. Nach einem Kakao will ich weiter, doch es schüttet. Ich warte eine Weile. In Regenklamotten mache ich mich auf den Weg nach Heede. Als ich dort an der Ems stehe, hat der Regen längst aufgehört. Werner ruft an. Er ist schon ganz in der Nähe. An der Heeder Emsbrücke wollen wir uns treffen. Nach ein paar Minuten bin ich an der Schleuse Bollingerfähr. Die Brücke kommt in Sicht. Und Werner, der mit beiden Armen ganz wild winkt. Ich bin für ihn der rote Punkt, der immer näher kommt. Nach vier Wochen nehmen wir uns endlich in die Arme. Ich kurbele die letzten km zu seinen Eltern. Werners Geschwister und seine erstaunten Eltern nehmen mich in Empfang. Niemand kann es fassen – 2400 km in 5 Wochen.  

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26. Juni 2014 - 2327 km in Roswinkel/Niederlande

Nun bin ich schon wieder Richtung Westen abgebogen. Grund: Hier in den Niederlanden gibt es in fast jedem Ort einen Campingplatz. Was man von Deutschland nicht behaupten kann. Gestern stand ich um 20 Uhr noch mitten in einem Gewerbegebiet und glaubte fest an ein Wunder.....

Von Zwilbroek radele ich nach Vreden. Immer schön einer Ausschilderung für Fahrräder entlang. Eine Baustelle stoppt meine rasante Fahrt. Kein Durchkommen mit dem Rad. Das Navi zeigt mir den Weg zur Hauptstraße. Ich entdecke die Ausschilderung des R 1. Gute Alternative, denke ich mir. Es geht durch Sand und Schotter, ich kann trotzdem gut fahren. Doch bald finde ich keine Schilder mehr. Stehe im Wald und der Weg teilt sich. Wieder hilft mein Navi. Plötzlich wieder Schilder. Vielleicht brauche ich mal ´ne neue Brille. In Vreden stehen an jeder Ecke Polizisten und Leute mit Warnwesten. Auch vor einem Bäcker, wo ich meinen Schwertransporter parke. Suchend sehe ich mich nach einem Papierkorb um. Der Polizist meint, ich soll ihn fragen, wenn ich den Weg nicht weiß. Ich kläre den Fall und der Polizist begutachtet mein kleines Rad. Sein Urteil: geile Karre. Mein Kommentar: stimmt genau. Ich trinke beim Bäcker in Ruhe einen Kaffee - mein Schwertransporter hat draußen Polizeischutz. Wenn mein netter Fahrrad-Beschützer nicht gerade die radelnden Kinder überwacht wie jetzt gerade, ist er auch oft mit dem Rad auf Tour. In Vreden legt man viel Wert auf Verkehrserziehung. Die Kids legen heute eine Art Radfahrprüfung ab. Ich lasse mich auf keine R 1- oder ähnliche Experimente mehr ein. Das Navi zeigt mir zuverlässig den Weg über Stadtlohn, Büren, Legden nach Darfeld. Kurz vor meinem Ziel steht ein älterer Mann mit Lederjacke am Straßenrand und spricht mich an. Sein Motorrad streikt und er wartet auf seinen Sohn. Die schicke, alte Seitenwagenmaschine steht am Straßenrand. Das erste Mal in seinem Leben hat sein Fahrzeug eine Panne. Nun ist er völlig überrumpelt, dass ihm viele Leute Hilfe angeboten haben. Gemeinsam stellen wir fest, dass die Menschen besser sind als ihr Ruf in den Medien. Sie sind meist hilfsbereit und interessieren sich füreinander. Und genau das erlebe ich heute Abend. Kurz nach 17 Uhr bin ich in Darfeld. Hier erwartet mich ein ganz besonderer Zeltplatz. Die Wiese bei Petra und Ralf. Die beiden traf ich in Domburg an der Nordsee und sie luden mich zum Kaffee ein. Daraus wurde das Angebot, in ihrem Wohnwagen zu übernachten. Doch sie haben auch einen Rasen für mein Mini-Zelt. Und wussten ganz genau: Die meldet sich, wenn sie auf dem Weg nach Münster ist. Die beiden verwöhnen mich mit bestem Essen (Petras Spargel Suppe - unglaublich lecker), ich kann das Internet nutzen und wir reden lange. Ralf ist Marathon-Läufer und hat viel zu erzählen. Das ist für mich eine Sensation. Wer möchte darüber berichten?

Am nächsten Morgen radele ich durch Darfeld. Der stillgelegte Bahnhof ist sehenswert und erst recht das Schloss. Ein Mann rät mir, den R 1 nach Münster zu fahren. War ein guter Tipp. Die Hügel der Baumberge machen mir nichts aus – ich war in Kent unterwegs. Hinter Havixbeck geht es bis Roxel wunderschön durch den Wald. Die breiten Reifen rollen prima durch Schotter, Sand und über Baumwurzeln. Schloss Hülshoff liegt auf dem Weg und man kommt ohne Eintritt in den sehenswerten Schlossgarten. Nur mein Schwertransporter muss draußen bleiben. So kommt er zu den gelben Leihrädern (aus Münster) und diversen E-Bikes. 

Münster ist die Fahrradstadt in Deutschland, da wollte ich hin. Auch wenn ich große Städte am liebsten umfahre. Viel sehe ich mir auch nicht an. Junge Leute mit 8 Wochen alten Zwillingen erklären mir den Weg zur Promenade. Es ist der Ring um die Altstadt. Von hier aus kann ich durch die Warendorfer Straße den Dortmund-Ems-Kanal erreichen. Zur Promenade führt eine Treppe mit schräger Ebene für Fahrräder. Der junge Mann schiebt mir meinem Schwertransporter hoch. Das hätte ich allein nicht geschafft. Er erklärt mir noch, wie ich am besten die richtige Ausfahrt finde. Ich rolle am Schloss vorbei und entdecke ein großes Radgeschäft. Hier sollte doch die Auswahl an Zubehör riesig sein. Dringend brauche ich eine größere Lenkertasche. Immer wenn es regnet, muss ich die Spiegelreflexkamera wasserdicht verpacken, weil die Tasche nicht zu geht. Natürlich finde ich ein passendes Teil und lasse es sofort anbauen. Die alte Tasche nehme ich für mein Trekkingrad mit. Kaum bin ich auf der Piste Richtung Kanal, fängt es an zu regnen. Um meine Kamera muss ich mir keine Sorgen machen, nur mich in Regenklamotten hüllen. Wie so oft war mein Gefühl richtig. Es hat bisher nicht oft geregnet. Aber hier ließ mich der Gedanke an eine passende Lenkertasche nicht los. Und jetzt gießt es. Blitz und Donner. In meiner Karte finde ich einen Campingplatz in Münster-Handorf, nicht weit vom Kanal. Bald bin ich da und sehe eine Ausschilderung, nur keinen Zeltplatz. Ich fahre mehrmals hin und her und frage an einer Tankstelle. Die Einfahrt zum Hotel soll ich nehmen. Tatsächlich entdecke ich hinter der noblen Adresse Wohnwagen. Nur für Dauercamper steht dran. Das fehlt mir noch. Bei dem Wetter ist kein Camper zu sehen. Ich finde aber jemanden, der mich zur Hotelrezeption schickt. Nass und dreckig marschiere ich rein und verlasse mich auf ein Wunder. Tatsächlich hat man kürzlich zwei Plätze für Zelte eingerichtet. Weil so oft Radler abgewiesen werden mussten. Als die Formalitäten erledigt sind, scheint wieder die Sonne. Es gibt sogar einen kleinen Schuppen, wo das Rad und die nassen Taschen über Nacht stehen können.

Morgens gebe ich an der Rezeption den Schlüssel vom Sanitärgebäude ab. Einige Hotelgäste sind total überrumpelt, wie man so weit mit dem Rad unterwegs sein kann. Ich fahre nicht zurück zum Dortmund-Ems-Kanal. Lieber gleich zur Ems nach Telgte. Ein Mann erklärt mir den Weg, denn die Ausschilderung ist hier nicht eindeutig, später aber gut. Neben mir hält ein Motorradfahrer. Nach Klärung der üblichen Fragen meint er, dass die Wege durch den Wald gut sind. Recht hat er. Vor Emsdetten kann man eine Ausweichroute nehmen, denn der Weg soll stellenweise sandig sein. Steht auf einem Schild. Die unbefestigte Route ist meine, ich komme prima klar. Der Weg vorbei an Emsdetten führt durch die Ems-Auen. Ich sehe mir die Infotafeln an. Zwei junge Frauen halten an. Sie fuhren die Ausweichstrecke und wissen nun überhaupt nicht mehr, wo sie sind. Dann suchen sie noch verzweifelt das Dorf, wo sie heute früh ihr Zimmer buchten. Auf meiner Karte zeige ich den beiden unseren Standort und wo sie ihr Quartier finden. Mir ist noch nicht klar, dass ich auch noch suchen werde. Ich will zum Campingplatz nach Rheine. Gegen 18 Uhr bin ich da, doch kein Schild taucht auf. Ich frage einen Mann, der nicht Bescheid weiß, mir aber einen Stadtplan schenkt. Ein Zeltplatz ist nicht eingezeichnet. Ich habe das Gefühl, hier weg zu müssen. Frage niemanden mehr, will in Salzbergen mein Glück versuchen. Die 10 km schaffe ich jetzt auch noch. Nach ein paar km merke ich, dass mich das Navi in die falsche Richtung führt. Mein Fehler, ich habe es so programmiert. Um 20 Uhr stehe ich in einem Gewerbegebiet. Jetzt sind es nochmal 10 km nach Salzbergen. Das Navi zeigt mir eine Route über Dörfer. Ich werde den nächsten Bauernhof ansteuern und um eine Zeltwiese bitten. Ein Mann sitzt auf einer Bank. Ich frage, ob er aus der Gegend ist. Nein, aus Nürnberg. Aber er hilft mir trotzdem. Findet mit seinem Smart-Phone den Platz in Salzbergen. Ich rufe an und es meldet sich jemand mit „Campingplatz an der Ems“. Klar kann ich kommen. Der nette Mann aus Nürnberg findet gut, dass mir Zeit mehr wert ist als Geld. In den schmucken Ferienhäusern hier an der Ems wird man nie so viel erleben wie ich unterwegs, meint er. Wieder hat mir jemand geholfen. Das verbuche ich unter Wunder, auf die man sich verlassen kann. Um 21 Uhr baue ich mein Zelt auf.

Gleich hinter Salzbergen lasse ich ein paar E-Biker hinter mir. Tatsächlich sind hier heute ein paar Schwertransporter unterwegs. Einer hat einen Hänger, transportiert Tisch und Stühle. An der Wasserstraßenkreuzung Ems und Ems-Vechte-Kanal treffen wir uns zum zweiten Mal und fotografieren uns gegenseitig. Kurz vor Lingen radelt eine nette Frau neben mir. Sie zeigt mir einen Bäcker und ich verlasse hier den Ems-Radweg. Nach Kaffee, Brötchen und einem netten Gespräch mit der Verkäuferin geht es Richtung Niederlande. Der Grund: Campingplatz-Garantie. Vor Twist halte ich am Geest-Moor. Von einer Aussichtsplattform hat man einen herrlichen Blick über die einzigartige Landschaft. Das Navi führt mich durch ein Gewerbegebiet in den Ort. Ein Solarpark versperrt mir den Weg. Ein Arbeiter schickt mich am Zaun entlang, dann komme ich zur Feuerwehr. Ich könnte auch umdrehen und den bequemen Weg über die Straße nehmen. Da mein Schwertransporter schon durch so viel Sand gerollt ist, nehme ich auch hier den unbequemen Weg. Über eine Wiese gelange ich zur Feuerwehr und Hauptstraße. Ein kleiner Laden taucht auf. Zeit für ein kühles Getränk. Davor ein beladenes Liegerad. Der Radler kommt aus Bremen und will nach London. Er ist seine letzten Touren ausschließlich mit Navi gefahren und nimmt keine Karten mehr mit. Sollte die Technik streiken, wird er sich unterwegs Karten besorgen. Er nimmt den kürzesten Weg nach Amsterdam, ich kurbele nach Zwartemeer/Niederlande. Kein Hinweis, dass Deutschland aufhört und Niederlande anfängt. Der nächste Ort, das nächste Land. Schon hier gibt es einen Zeltplatz, aber ich will noch ein paar km fahren. Mein Navi zeigt eine gute Auswahl an Campingplätzen. Ich entscheide mich für den Platz in Roswinkel bei Ter Apel. Hoffentlich ein Mini- oder Bauern-Camping. Wenn nicht – der nächste Platz ist um die Ecke. Über Barger-Compascuum und Emmer-Compascuum rolle ich ins Dorf. Niederlande ist immer noch im Fussball-Fieber. Fahnen liegen am Kanalufer. Wo steht mein Zelt? Beim Bauern. Etwas wehmütig habe ich es aufgestellt. Es ist die letzte Nacht im Zelt auf dieser Tour. Morgen werde ich mein Ziel in Kluse im Emsland erreichen. Hier wohnen Werners Eltern und er holt mich mit dem Auto ab. 

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22. Juni 2014 – 2024 km in Zwilbroek/Niederlande

Mein Zelt steht in Zwilbroek. Geteilter Ort, es gibt auch Zwillbrock. Hier war ich heute schon. Habe mein Rad am Schild „Deutschland“ fotografiert. Die Barockkirche ist geschlossen. In der Nähe lege ich "2000" aus Rindenmulch auf den Weg und fotografiere mich mit der kleinen Kamera auf dem Stativ. Eine nette Frau aus Borken nimmt mich mit meiner Kamera auf. Prima, jetzt habe ich ein noch besseres Bild.....

Foto: G. Haake

Mein letzter Eintrag war von Utrecht. Oder ein paar km davor. Zeitig rolle ich los. Auf dem Weg zwei Schwäne. Als ich ihre fünf Jungen gleich neben dem Weg entdecke, halte ich für ein Bild. So schnell habe ich noch nie die Kamera verpackt und meinen Schwertransporter gewendet, denn die beiden kommen mir flügelschlagend entgegen. Im Spiegel sehe ich, dass sie sich sofort beruhigen. Auf andere Radler reagieren sie gar nicht. Hat ihnen die Kamera nicht gefallen, oder etwa meine rote Jacke? Ich kurbele an ihnen zügig vorbei und sie beachten mich jetzt nicht. Bald bin ich in den ersten Wohngebieten von Utrecht. Nette Leute wollen wissen, ob mir der Vorort gefällt. Sie wohnen hier. Ich halte bei einem Bauern, der Kaffee und Kuchen in einem Bauwagen anbietet. Mit Äpfeln auf dem Gepäckständer geht es weiter. In einem Kanal liegen Hausboote. Auf in die City. Eine Brücke ist gesperrt. Ich suche eine andere. Zwei haben Treppen. Über die dritte komme ich ohne Probleme und fahre an der anderen Kanalseite zurück, um bloß nicht meinen Weg zu verlieren. Der Bahnhof ist eine Großbaustelle. Davor gibt es einen riesigen bewachten Fahrrad-Stellplatz. Zuerst will ich ohne Stopp durch die Stadt, dann entdecke ich das alte Stadtzentrum. Decke mich beim Bäcker mit Brot ein und halte an einer Kirche. Obwohl ich immer auf Ampeln achten muss, entgeht mir nicht das Straßenschild „Mecklenburglaan“. Trotzdem bin ich froh, als ich die Stadt hinter mir lasse und wieder am Kanal rolle. Die Landschaft ändert sich. Mehr Bäume, seltener Kanäle, weniger quakende Frösche. Mein Tacho meldet, dass die Batterie vom Sender fast leer ist. In Amerongen frage ich ein paar Jugendliche nach einen Radgeschäft. Sie erklären es mir und ich finde es gleich. Bester Service. Nach ein paar Minuten bin ich mit einer neuen Batterie auf der Piste. Als ich das nächste Mal mein Rad abstelle, merke ich, dass der Ständer vorn lose ist. Für diese Schrauben habe ich kein passendes Werkzeug. Nun brauche ich schon wieder einen Radladen und finde keinen. Doch auf dem Campingplatz in Wageningen Hoog habe ich einen netten Nachbarn. Er begutachtet mein Rad während ich dusche. Und spricht mich englisch an. Den Irrtum kläre ich auf. Er schraubt mir freundlicherweise den Ständer fest.

Als ich am Sonnabend Richtung Arnhem starte, werde ich rasant von einer nicht enden wollenden Gruppe Rennradfahrern überholt. An der nächsten Kreuzung Polizei und Einweiser. Einer fragt mich, wo ich hin will. Ich soll vorsichtig sein. Jan Janssen Classics. Rennräder und MTBs sind unterwegs. Vergleichbar wohl mit RTF in Deutschland. Sie sausen auf den Radwegen und kommen aus allen Richtungen. Zum Glück gibt es Richtungspfeile. So halte ich immer an, wenn ich woanders hin will und lasse die Raser passieren. Am Lenker haben sie Startnummern, aber nicht auf den Rad-Shirts. Viele grüßen mich und manche heben den Daumen. In Arnhem sehe ich mich im Zentrum um. Der Ständer am Vorderrad ist leider nicht optimal befestigt und ich schiebe meinem Schwertransporter nochmal in ein Radgeschäft. Der Mechaniker versteht mein Problem sofort und korrigiert den Fehler. Auf einem Wochenmarkt kaufe ich Äpfel und Käse. Eine junge Frau wird von ihrem Vater im Rollstuhl geschoben. Sie kann sich auch selbst fortbewegen, indem sie eine Kugel mit dem Mund bedient. Ich muss ganz dicht an ihr vorbei. Sie ruft ängstlich ihren Vater, der sich kurz entfernt hat. Der Rollstuhl ist hinten voller Technik. Wie gut es mir doch geht. Und wie gern ich hier doch jede Steigung hoch kurbele. In Rozendaal führt der Weg vorbei an einem Schloss. Und schon bin ich im Nationalpark Veluwezoom. Herrlicher Wald, Fingerhut und Farne zu beiden Seiten. Es geht ständig auf und ab. Der Weg ist asphaltiert. Vom höchsten Punkt, Posbank, hat man einen grandiosen Blick auf die Heide- und Dünenlandschaft. Nachtkerzen recken sich gelb blühend empor und verschönern die Landschaft zusätzlich. Viele Rennradfahrer machen Pause. Das Restaurant ist gut besucht. Motorradfahrer wollen wissen, ob meine Packsäcke wasserdicht sind. Sie sind beeindruckt, dass ich hier mit dem Rad hoch gefahren bin. Ich fand es gar nicht schlimm. Und frage mich, wo die in meiner Karte beschriebene lange Steigung war. Hinter Dieren ist es wieder eben und ich komme gut voran. In Brummen warte ich mit deutschen E-Bikern, die bestimmt nicht älter sind als ich, auf die Fähre über die Ijssel. Sie waren schon in Wismar und lieben die Ostseeküste. Am Tag fahren sie etwa 40 km. Soll ich jetzt erzählen, dass ich über England hier bin? Mein Zelt kann ich in Vorden wieder günstig beim Bauern aufstellen.

Um 9 Uhr bin ich mit der Bäuerin verabredet. Zu Kaffee und Eis. Bauern-Eis. Kenne ich schon. Auch hier sehr lecker. Das war mein erstes Sonntags-Frühstück. Das zweite gibt es in Vorden. Hübscher Ort. Zwei Windmühlen, die ich fotografiere. Die Kirchentür ist offen. Messe. Ich gehe nicht rein, will nicht stören. In einem netten Lokal gönne ich mir ein Stück Apfelkuchen. In Barchem sehe ich ein Schild „Pannenkoeken“. Heute werde ich Niederlande verlassen. Außerdem ist Sonntag. Ich bestelle den Pannenkoeken. Es wird der letzte auf dieser Tour sein, stelle ich wehmütig fest. Eine Frau spricht mich an, will wissen, wie lange ich unterwegs bin. E-Biker rollen an zum Kaffee trinken. Dieser Pannenkoeken schmeckt besonders gut. Gut gesättigt kurbele ich nach Borculo. Ein freundlicher Mann beschrieb mir den besten Weg hierher. Mit fällt eine Zugbrücke auf, die ich fotografieren will. Schon wieder werde ich angesprochen. Der Nette fragt zuerst, ob ich noch genug Wasser habe. Dann stellt er die üblichen Fragen und schickt mich zu einer kleinen Schleusenanlage. Nur ein paar km, und ich bin in Zwilbroek an der Grenze. Ich rolle nach Zwillbrock. Nachdem ich meine Bilder von der 2000 auf dem Weg im Kasten habe, stehe ich vor einer Info-Tafel. Lese vom Flamingo-See. Kommt mir bekannt vor. Entweder ich habe davon gelesen oder jemand hat es mir erzählt. Ich kann gar nicht zu Ende lesen, da höre ich, ob ich mit meinem vielen Gepäck aus China komme. Manni aus Hamburg will es wissen. Er hat ein Fernglas und will mir den Weg zu den Flamingos zeigen. Zuvor geht er noch mit mir zum Besucherzentrum. Es hat schon geschlossen. Eine Frau kommt, die nochmal aufschließt. Weil Manni (augenzwinkernd) behauptet, ich sei auf Weltreise. Ich bekomme mein Prospekt und schiebe meinem Schwertransporter mit Manni zu einem Beobachtungsturm. Manni war schon in China und Afrika Tiere beobachten. Nur noch nicht im Donau-Delta, wo ich schon Pelikane aufgenommen habe. Ich bin nun im Zwillbrocker Venn. Lachmöwen und Flamingos. Europäische Rosaflamingos und südamerikanische Chileflamingos. Wie kommen sie in diese Region? Seit Mitte der 1980er Jahre brüten sie hier und überwintern am Ijsselmeer und im Rheindelta. Vermutlich stammen die Tiere aus privater Haltung. Richtig geklärt ist ihre Herkunft jedoch nicht, weiß Manni. Mit seinem Fernglas entdeckt er ein Junges bei seiner Mutter. Ich kann es filmen und fotografieren. Traumhaft. Wie war das noch mit den Wundern? Ich konnte mich wieder drauf verlassen. Manni sieht es auch so. Er meint, ich passe in diese Welt. Und sollte ich keinen Campingplatz finden, soll ich zu seinem Wohnmobil auf den Parkplatz kommen. Da stehen noch mehr und ein Zelt dazwischen fällt bestimmt nicht auf. Ich bin in Deutschland. Campingplatz Fehlanzeige. Aber 800 Meter hinter der Grenze finde ich einen.

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19. Juni 2014 – 1809 km Laagnieuwkoop/Niederlande

Bis kurz vor Utrecht habe ich es geschafft. Bin wieder beim Bauern, in den Niederlanden eine gute Adresse. Klein, gut, günstig. Hier gibt es eine Küche mit Wasserkocher und Mikrowelle und einen Aufenthaltsraum, wo ich trocken sitze. Trocken war es heute nicht immer. Gegen 15 Uhr regnete es eine Weile. Doch ein kräftiger Wind pustete mich und die Radtaschen bald wieder trocken.

Zurück nach Renesse, wo ich morgens den Kampf mit dem lahmen Internet gewinne. Um den Kampf gegen die Naturgewalt Wind aufzunehmen, stärke ich mich beim Bäcker. Durch Dünen geht es dem nächsten Damm entgegen. Ich eiere auf der Deichkrone mit unter 10 km/h. Andere Schwertransporter kommen mir entgegen und haben für mich nur mitleidiges Lächeln übrig. Die Aussichten sind so grandios, ich halte an für ein paar Fotos. Obwohl ich Schwierigkeiten habe, mein Gefährt wieder in Gang zu bekommen, ohne umzukippen. Ein junger Mann auf einem eigenartigen Fahrrad, womit man nur im Stehen fahren kann, überholt mich. Er ist nur mit Rucksack unterwegs und hat es nicht so schwer. Eine Frau steht auf dem Weg und hebt den Daumen. Nette Familie aus Deutschland. Wir fotografieren uns gegenseitig und ich nehme es wieder mit dem Wind auf. 

Irgendwann ist der Kampf vorbei und ich habe in den Dünen auch mal kurzzeitig Wind von hinten. In einem hübschen Ort mit urigen Gassen, Ouddorp, kommt mir ein Franzose mit Schwertransporter entgegen. Er hat hervorragende Radkarten mit Knotenpunkt-System. Und rät mir davon ab, durch den Hafen von Rotterdam zu fahren. Der Radweg R 1, dem ich folge, führt dort durch. Die Fähre fährt nur selten und ich werde sie heute nicht mehr erreichen. Er zeigt mir einen anderen Weg über Rozenburg nach Delft. Campingplätze empfiehlt er mir auch gleich. Nach dem nächsten kurzen Damm, wo mich der Wind hin und her wirft, verlasse ich den R 1 und folge der Ausschilderung nach Rozenburg. Ein Engländer spricht mich an, er sucht auch den besten Weg, nimmt aber nach einem Blick in meine Karte eine andere Route. Mit einer Fähre geht es nach Maassluis. Hier suche ich eine Ausschilderung. Nette Fußgänger von der Fähre helfen mir weiter. Ich fahre nach Knotenpunkten und bin bald auf einem netten Bauern-Campingplatz in Maasland. Ganz in der Nähe, in De Lier, wohnt Peet. Nachdem ich ihm meinen Campingplatz durchgegeben habe, kommt die Antwort: Ich komme gleich mit meiner Frau und wir trinken zusammen Tee, okay? Sie bringen aber Kaffee, Kekse und Saft aus Fruchtsirup mit, den ich so gern trinke. Natürlich hat er Bilder aus England dabei. Mark hatte so recht mit seinem Spruch, dass man sich auf Wunder verlassen kann. Wie wäre ich ohne Peet über die Themse gekommen? Und Peets Spruch: Wir sind sehr spezial. Mein Spruch: Mir ist Zeit mehr wert als Geld. Wer also so spezial ist wie wir, sich Zeit nimmt und dafür auf Geld verzichtet, der kann sich auf Wunder verlassen..... Peet und Evelyne empfehlen mir, an Delft nicht einfach vorbei zu fahren. Ich habe sowieso vor, hier eine Pause einzulegen. Und bezahle beim Bauern noch die nächste Nacht.

Am Mittwoch radele ich trotz Regen nur mit Fotoausrüstung los. Zuerst nach Delft. Ein guter Tipp. Leiste mir Kaffee verkeert (Milchkaffee) mit Blick auf die Kirche und besorge eine Radkarte mit Knotenpunkten. Bald kommt die Sonne und ich kann fotografieren. Durch Den Haag kam ich auf dem Weg zur Fähre nach Harwich, hatte aber keine Zeit für Fotos. Also weiter nach Den Haag. Hier haben es mir die Hochhäuser angetan. Meine Radtasche hinten am Gepäckständer sichere ich mit einem Spannriemen. Ich kurbele immer ein Stück weiter, wo ich eine gute Position zum Aufnehmen habe. Und tatsächlich hat jemand versucht, die Tasche abzunehmen. Ich habe geahnt, dass es hier gefährlich ist. 

Der Weg zurück zum Campingplatz ist schwierig, denn eine Brücke wurde gerade abgerissen. Nach einem langen Umweg bin ich – ohne beklaut worden zu sein – wieder an meiner Stoffhütte.

Heute will ich wieder den R 1 erreichen und suche mir auf der neuen Radkarte die Knotenpunkte raus. Schon im nächsten Ort, Schipluiden, spricht mich ein Mann an und empfiehlt mir eine kürzere Route durch Delft, der ich auch folge. Doch mitten in Delft eine Baustelle, Radweg-Umleitung. Meinen Knotenpunkt verliere ich und wieder werde ich ungefragt angesprochen. Die nette Frau schickt mich auf die Route, die ich ursprünglich fahren wollte. Dann ist ganz unglaublich mitten auf dem Weg eine Schranke. Mit dem Hinweis, bei geschlossener Schranke den Weg durch Delft zu nehmen. Ich suche mir eine neue Route und lande in einem Vorort von Rotterdam. Die Hochhäuser sind in Sichtweite. Nun aber keine Hindernisse mehr und nach 40 km habe ich endlich den R 1 in Benthuizen erreicht. Auf die Ausschilderung kann mich wieder verlassen und komme gut voran. Teils links und rechts ein Kanal, wunderhübsche Vorgärten, Schafe und Kühe, natürlich Windmühlen. Leider fängt es an zu regnen. Ich hülle mich in wasserfeste Klamotten und weiter geht es am Kanal entlang. Die Wege erinnern mich manchmal an England. Schmal und ziemlich kaputt. Als ich den Campingplatz kurz vor Utrecht erreiche, hat mich der kräftige Wind schon wieder getrocknet. 

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16. Juni 2014 – 1602 km in Renesse/Niederlande

Renesse ist ein netter Ost an der Nordsee. Ich denke, ich bin zu Hause. Denn mindestens jeder zweite spricht als Muttersprache deutsch. Mein kleines Zelt steht auf einem netten Zeltplatz mitten im Ort. Um mich herum lauter Mobilheime. Davor Autos mit deutschen Kennzeichen. NE, ME usw. Habe mir vorhin Pommes gegönnt mit viel Mayo. Ich kann mir das nach dieser Gegenwind-Etappe heute erlauben, die meisten meiner Landsleute eher nicht.....

Doch zurück nach Sandwich. Am nächsten Morgen nehme ich nun die Steigungen allein unter die Reifen. Peet wartet nicht mehr auf mich und fragt lachend, ob ich eine Pause brauche. Weit fahre ich nicht. In Martin Mill, kurz vor Dover, soll heute Abend mein Zelt stehen. Ein Auto tuckert geduldig hinter mir her, als ich – wie eine Schnecke – einen langen Anstieg hoch krieche. Oben fährt das Fahrzeug langsam an mir vorbei. Die Scheibe ist runter gekurbelt und eine Frau winkt, lacht und ruft mir zu, dass sie mich bewundert. Als ich anhalte, kommen mir zwei Reiterinnen entgegen. Auch sie lachen und meinen, dass die Strecke nichts für Fahrräder wäre. Bald baue ich mein Zelt in Martin Mill auf. Dann lade ich nur die Fotoausrüstung aufs Rad und sause zu den White Cliffs. Unter mir der Hafen von Dover. Fähren kommen und gehen im Minutentakt. Möwen segeln elegant über die Klippen. Und ein netter Mann nimmt mich mit meiner Kamera auf. Zurück auf dem Campingplatz steht mein Zelt nicht mehr allein auf der Wiese. Wohnmobile aus der Schweiz, Italien, Frankreich, Niederlande – wer zur Fähre will, nächtigt vorher hier.

Am Donnerstag bin ich kurz nach 7 Uhr startklar. Peet meinte, nach Dover sind die Steigungen noch länger. Au Backe, das kann ja was werden. Einen ganz steilen Anstieg vor St. Margaret´s at Cliffe, den ich gestern schon ohne viel Gepäck gerade so schaffte, kann ich umfahren. Der Rest ist nicht schlimm. Kurz vor Dover halte ich nochmal auf den Klippen. Dann geht es eine lange Serpentine runter und ich stehe am Fährterminal. Eine Frau schickt mich zu den Fußgängern, doch mit dem Rad muss ich zu den Autos. Ich bekomme mein Ticket für knapp 30 Pounds und reihe mich ein hinter Motorradfahrern. Sie wollen nach Freiburg, durch den Schwarzwald preschen. Einer meint, mit den roten Radtaschen sehe ich aus wie eine britische Postfrau. Als sie hören, wo ich herkomme, finden sie ihre Schwarzwaldtour gar nicht mehr so aufregend. Nachdem die Kreidefelsen meinen Blicken entschwunden sind, setze ich auf dem Dampfer die letzten Pounds um. Kaum bin ich von der Fähre, entdecke ich ein Schild: Wismar ist u. a. die Partnerstadt von Calais. Ich folge der Ausschilderung Richtung Zentrum. Die Radspuren sind voller Glas. Nur ein paar Fotos und raus hier. Dank Navi finde ich schnell den Radweg R 1. Eine Ausschilderung gibt es nicht. Da der Weg aber am Kanal entlang führt, kann ich mich nicht verirren. Der Asphalt ist voller Löcher und wellig. Ich komme nicht gut voran und bin froh, in Watten sofort den Campingplatz zu finden. Nach mir kommt noch eine allein fahrende Radlerin. Sie ist Französin, spricht u. a. sehr gut deutsch, möchte aber nur allein sein und sich nicht unterhalten. Das macht sie schon 20 Jahre so. Sie würde nie mit jemandem auch nur einen Tag zusammen fahren. Wie es jeder mag.

Hinter Watten gibt es am nächsten Morgen zwei lange Steigungen und entsprechend schöne Aussichten. Irgendwann entdecke ich noch auf französischem Boden tatsächlich eine Ausschilderung des Nordseeradweges. Der Asphalt ist jetzt gut, die Orte sind idyllisch, die Menschen sehr nett. Im einem Cafe bestelle ich Kaffee und sage, dass ich damit nach draußen zu meinem Rad gehe. Als ich die Tasse reinbringe, geht es los: Mit Händen und Füßen erklärt man mir, dass hier niemand an mein Rad gegangen wäre und ich im Cafe hätte schlafen können. Ich treffe zwei Holländer. Belgien ist platt, erklären sie mir. Wenn ich Pech habe, pfeift der Wind von vorn. Genauso kommt es. Die Grenze ist nicht gekennzeichnet. Als an einem Haus „Te koop“ steht, weiß ich Bescheid. Jetzt ist der Radweg auch gut ausgeschildert. Ein Mann spricht mich an, er kann deutsch. Will wissen, wo ich herkomme. Der Weg verläuft idyllisch entlang der Yser. In Diksmuide finde ich einen Campingplatz. Doch er ist verlassen und das Sanitärgebäude völlig zerstört. Ich muss weiter, auch wenn ich vom ständigen Gegenwind ziemlich zermürbt bin. In Frankreich hatte ich Baguette und Käse gekauft. Also essen und weiter geht es. Nach 15 km auf einen ehemaligen Bahndamm stehe ich vor einem riesigen Campingpark in Nieuwpoort. Ganz in der Nähe ein Soldatenfriedhof, den ich mir unbedingt später ansehen will. Die Rezeption hat bereits geschlossen, ich bekomme trotzdem einen Platz für mein Zelt zugewiesen. Als ich wieder zu meinem Rad gehe mit einem Lageplan in der Hand, wartet ein junger Mann mit zwei Kindern auf mich. Er will wissen, wer mit diesem Schwertransporter unterwegs ist. Nimmt mich mit zur etwas abseits gelegenen Zeltwiese und zeigt mir sein Zelt und die Räder. Familie mit zwei Kindern auf sechsmonatiger Radreise. Was für ein Glück, solche Nachbarn zu haben. Wir haben uns eine Menge zu erzählen. Da sie nach Dover wollen, sehen wir auf meiner Karte nach Campingplätzen. Auch sie können bestätigen: Auf Wunder kann man sich unterwegs verlassen. Ich war schon auf vielen Campingplätzen. Doch noch nie bin ich mit einem Lageplan in der Hand zum Klo marschiert.

Am nächsten Morgen kann ich günstig Internet nutzen. Dann halte ich am Soldatenfriedhof und rolle in den hübschen Ort. Bei einem Bäcker decke ich mich mit Brot ein und koste ein paar belgische Pralinen. Ein Pannenkoeken in Belgien muss sein und dann geht es am Kanal entlang nach Oudenburg. Wieder Gegenwind. Viele Rennradfahrer sind unterwegs. Einer kommt mir entgegen und hält abrupt an. Erklärt mir, dass ich mit meinem Rad nicht durch die Absperrungen der Baustelle kommen werde. Er dreht um, kommt mit mir mit und fährt erst weiter, als ich gut durch die enge Stelle gekommen bin. Er kann etwas deutsch. Sein Sohn wohnt bei Köln. Er will heute 140 km fahren. Erst gegen den Wind, dann auf der anderen Kanalseite mit Rückenwind nach Hause. Bald habe ich zwei Rennradfahrer hinter mir. Sie bleiben eine ganze Weile in meinem Windschatten. Im Oudenburg biege ich ab nach Brügge. Plötzlich Rückenwind und es rollt wie verrückt. Wieder am Kanal entlang und wieder ein Rennradfahrer hinter mir. Doch bald ist er neben mir und fragt mich aus. Er ist schon 81 und fährt meist 40 bis 50 km. Doch nicht gern sonntags, dann sind ihm zu viele schnelle Fahrer unterwegs. Die 16 km bis Brugge vergehen bei der netten Unterhaltung wie im Flug. Zum Abschied zeigt er mir den kürzesten Weg ins Zentrum. Brugge ist hübsch, doch mir viel zu voll. Ein Mann läuft mir fast ins Rad, Jugendliche schreien mir was hinterher. Ich fühle mich nicht wohl und verschwinde so schnell wie ich gekommen bin. Weiter geht es am Kanal. Wieder Gegenwind. Ich will nach Niederlande und lasse den letzten belgischen Campingplatz links liegen. Bis Sluis/Niederlande ist es nicht mehr weit. Der Ort ist klein, hübsch und auch voller Touristen. Ich bin froh, als mein Zelt endlich windgeschützt hinter eine Hecke steht.

Im ersten Dorf hinter Sluis höre ich Musik. Es ist Sonntag. Doch es ist keine Kirchenmusik. Ich fahre weiter und traue meinen Augen und Ohren nicht. Dicke Schlitten mit belgischen Kennzeichen. Frauen mit riesigen Hüten und langen Kleidern, Männer mit weißen Hosen und dunklen Jacketts. Dazwischen zwei Dudelsackspieler. Ich passe nun überhaupt nicht ins Bild und versperre den Autos den Weg, als ich mitten auf der Straße die Kamera raushole. Niemand regt sich auf, im Gegenteil. Die Dudelsackspieler stellen sich fürs Foto auf und die Frauen wollen wissen, wo ich her bin. 

Weiter geht es durch landwirtschaftlich geprägtes Gebiet. Kühe dösen auf der Weide und schauen mir gelangweilt hinterher. Ich erreiche in Breskens die Fähre nach Vlissingen. Viele Sonntags-Ausflügler schieben ihre Räder rauf. In Vlissingen ist die Ausschilderung nicht klar und ich suche den Weg. Die Radler von der Fähre, die mich schon neugierig beobachteten, sprechen mich jetzt an. Ich bin von den älteren Leuten umringt. Muss erzählen, wo ich herkomme und wo ich hin will. Sie sind verwundert, dass ich aus Deutschland bin. Auf meinem Fahrrad ist ein Sticker mit der britischen Flagge. Peet hatte ihn mir geschenkt. Bevor wir uns in Sandwich verabschiedeten, klebte ich ihn hinten aufs Schutzblech. Nun finde ich den Weg, der ins vornehme Vlissingen führt. Beach Club, Beach Residence usw. Alles nichts für mich. Zwei Frauen fragen, ob ich auf Weltreise bin. Im Moment gerade auf Europa-Trip. Sie sind aus dem Rheinland und oft hier. Eine fotografiert mich mit meiner Kamera. Dann springen sie in einen schicken Sportwagen und brausen davon. Endlich geht des Weg durch den Dünenwald. Mopedfahrer kommen mir entgegen. Einer schaut nach unten und fährt genau in meine Richtung. Ich schreie ihn an und er kriegt gerade noch die Kurve. Ich umrunde Fußgänger mit kleinen Kindern und Hunden und muss aufpassen, nicht mit anderen Radlern zusammen zu stoßen. Anscheinend sind hier mehr Deutsche als Einheimische. Irgendwann steigt der Weg an und ich fahre auf dem Dünenkamm voll gegen den Wind. Hier ist mehr Platz und an den Wind habe ich mich längst gewöhnt. Dann geht es eben langsamer voran. Die Aussicht auf das tosende Meer ist gigantisch. Ein Leuchtturm kommt in Sicht. Hier gefällt es mir. Als der Radweg wieder hinter die Dünen geht, entdecke ich kurz vor Domburg einen Mini-Camping. Hier ist Schluss für heute nach 54 km gegen den Wind.

Petra und Ralf aus dem Münsterland sind mit dem Caravan hier. Sie sind von meiner Radreise begeistert. Ralf ist Marathonläufer. Über eine längere Radtour denkt er schon lange nach und jetzt, wo er meinen Schwertransporter genauer betrachtet, wird er wohl auch los fahren. Wir stellen fest, dass meine Tour kurz vor Münster bei ihnen fast vor der Haustür vorbei führt. Der Kaffee ist versprochen. Kurz nach 10 sause ich los. Will ich zumindest, aber der Wind bremst mich wieder. Heute ganz besonders. Die Schauer sind nicht schlimm. Ich bin gleich wieder trocken. Durch Dünen kurbele ich dem gigantischen Delta-Sperrwerk entgegen. Auf dem Damm wird der Wind noch stärker. Manchmal schaffe ich nicht mal mehr 8 km/h. Einige Schwertransporter sausen mir entgegen. Ich muss kämpfen. Der Damm will kein Ende nehmen. Plötzlich rote Lichter und eine Schranke. Dahinter kommt die Straße auf mich zu gefahren. Als die Lücke geschlossen ist, geht der Kampf gegen den Wind weiter. Anhalten ist nicht gut, am besten kurbeln, kurbeln, kurbeln. Wie an einer endlosen Steigung. Eine Schulklasse mit Warnwesten überholt mich. Die Kids fahren nicht sehr diszipliniert, ich bin froh, als sie vorbei sind. Dann halten sie an und ich überhole. Später sehe ich sie wieder in den Dünen. Hier geht der Kampf weiter, denn jetzt gibt es Steigungen, einige 10 %. Der nächste Damm ist nicht weit. Heute nicht mehr. In Renesse finde ich den netten, kleinen Campingplatz. Ich bin nicht kaputt, nur maßlos hungrig. 

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10. Juni 2014 – 1257 km in Sandwich/Kent

In Sandwich bin ich gelandet. Hier hat der Earl of Sandwich das Sandwich kreiert, hat mir Mark erzählt.

Am Freitag verabschieden mich die netten Camper in Brightlingsea herzlich. Die beiden, die mir von Sachsen erzählten, nehmen mich sogar in den Arm. Bei herrlichem Wetter setze ich mich zur Fähre nach Mersea Island in Bewegung. Am Hafen fotografiert mich ein Mann mit meiner Kamera und schickt mich zum Hafenmeister. Der winkt mich auf die Mole. Eine Mini-Fähre, ganz allein für mich und meinen Schwertransporter. Ruck zuck ist das Rad verladen und ab geht es nach Mersea Stone. Am anderen Ufer wartet ein Backpacker. Vergeblich suche ich einen Anleger. Der nette Kapitän winkt den Mann mit Rucksack ins Boot, beide packen mein Rad an und stellen es mir auf den steinigen Strand. Leider hat einer dabei meinen Sattel angepackt. Die Halterung hinten rechts ist aus der Befestigung gerutscht. Ich kann aber trotzdem weiter fahren. Alles klar – das ist also Mersea stone. Der Backpacker zeigt mir noch, dass bei den gelben Pflanzen der Footpath beginnt. Dann pfeift das kleine Boot übers Wasser und ich stehe in der Wildnis. Mit größter Anstrengung schiebe und zerre ich das Rad über Steine und Sand. Bis zu den gelben Pflanzen finde ich es ziemlich weit. Zwischendurch sammle ich Muscheln, fotografiere und beobachte Vögel. Zum Footpath führt eine Treppe. Gepäck vom Rad und alles einzeln hoch tragen. Ein Mann mit Fernglas erklärt mir, wie ich zur Straße komme. Der Footpath ist asphaltiert und ich kann radeln. Ein anderer Mann schickt mich zur Fen-Farm, einem netten Campingplatz in Mersea East. Für 8 Pounds stelle ich mein Zelt an einer Hecke auf und kurbele nach Mersea West. Mark erklärte mir, dass die Straßen manchmal wie in Polen sind. Hier trifft es zu. Beim Bäcker gönne ich mir creamy tea. Auch ein guter Tipp von Mark. Ich kaufe in einem keinen Laden Äpfel und Bananen und kurve wieder zurück. Neben mir machen sich zwei britische Radler breit. Steven und Shirley sind ein paar Tage in ihrer Heimat unterwegs.

Andere Camper hatten Regen prophezeit. Genauso fängt der Samstag an. Ich warte die Gewitter-Schauer ab und packe das Zelt einigermaßen trocken ein. Auf nach Mersea West und über den Damm aufs Festland (oder die große Insel). Sonnenschein und ich biege von der Straße ab zu einer Farm. Church stand auch auf dem Schild. Idylle pur. Hinter einem riesigen Baum entdecke ich den Kirchturm. Die Kapelle ist verschlossen, aber der Rasen frisch gemäht. Uraltes Gemäuer und uralte Grabsteine. 

Die nächste Schauer überstehe ich trocken in eine offenen Scheune. In einen Dorf entdecke ich an einem kleinen Laden „Hot Drinks“ und hole mir Tee. Der Verkäufer fragt mich aus. Zwei Männer hören zu und unterhalten sich mit mir draußen eine Weile. Die beiden Typen sind so urig wie die Gegend und der Ort. Ein Pub, eine rote Telefonzelle, hübsche Vorgärten vor kleinen Häusern, die sich aneinander klammern. Bald bin ich in Maldon. Hier treffe ich Peet aus Holland. Er kam heute früh mit der Fähre nach Harwich und ist schon 100 km gekurbelt, teils auf großen Hauptstraßen. Die Autofahrer hatten damit kein Problem und umrundeten ihn immer großzügig. Vor uns steigt die Straße steil an. Autos stehen hier mehr als sie fahren und wir müssen schieben. Peet hat eine Radkarte, ich eine topographische Karte und Navi. Gemeinsam kurbeln wir zum Campingplatz nach Burnham-on-Crouch. Für 3,50 Pounds pro Zelt – ein echtes Schnäppchen. Im Sanitärbereich bunte Kacheln, Kunstblumen und vorm Fenster eine hübsche Gardine. Very british. Oder english. Bald tauchen Shirley und Steven auf, deren Zelt gestern neben meinem in Mersea stand. Peet kocht Tee und wir teilen unser Essen. Er spricht fließend englisch und recht gut deutsch. Obwohl er bei jeder Steigung auf mich warten muss, will er mit mir weiter fahren. Das beeindruckt mich nun wirklich. Zumal er oft mit seinem Rad in den Bergen unterwegs ist und täglich lange Touren fährt. Er hat Urlaub und Zeit, erklärt er mir.

So kurbeln wir am Sonntag gemeinsam zur Fähre über den River Crouch. Wir müssen warten und ich kann solange im Ort fotografieren. Pitoresk hier, meint Peet. Und ob ich diesen Ausdruck kenne. Wieder eine Mini-Fähre. Das Gepäck von den Rädern, alles verladen und schon sausen wir bei herrlichem Wetter über das Wasser. Peet geht sehr vorsichtig mit den Rädern um und passt auf, dass niemand mein Rad am Sattel anpackt. Mein Navi zeigt uns den Weg durch den Städtedschungel nach Tilbury. Hier wartet die nächste Fähre auf uns über die Themse – denken wir. Zwei tätowierte Typen mit großen Hunden sind sehr nett und erklären uns, dass man hier nur in der Woche übersetzen kann. Und heute ist Sonntag. In dieser Stadt, die gar nicht urig und pitoresk sondern schmuddelig und heruntergekommen ist, wollen wir uns keine Bleibe suchen. Die Männer schicken uns nach Dartford zur Brücke. Dort gibt es einen Shuttle-Service. Also Dartford ins Navi eingeben. Ich bin froh, hier nicht allein unterwegs zu sein. Die Straßenränder sind voller Dreck und Glas. Und Löcher sowieso. Und dann einen Platten? Bloß nicht. Nach 6 km stehen wir an der Brücke und treffen zwei Radler, die gerade von der anderen Seite kommen. Wir radeln ihrem Shuttle hinterher. Gepäck ins Auto und die Räder kommen auf einen Radträger. Im Schneckentempo kriechen wir – wie komisch, im Auto - über die gigantische Brücke. Der Fahrer setzt uns bei zwei Frauen ab, die den Verkehr auf der Brücke überwachen. Sie fragen uns aus und füllen unsere Wasserflaschen. Den letzten Tropfen hatte ich kurz vor der Brücke in mich hineingeschüttet. Peet meint, hier wäre viel Verkehr. Ruhig ist es heute, lachen die Frauen. In der Woche stehen die Autos fast nur. Weiter geht es nach Gravesend, wo uns eigentlich die Fähre hinbringen sollte. Ohne Wasser wäre ich da nicht angekommen. Einen Campingplatz gibt es nicht. Das Navi bringt uns zu einem Restaurant mit B & B. Zwei Zimmer sind frei. Für 30 Pounds gibt es ein nettes Zimmer, eine saubere Dusche, leckeres Essen vom Buffet und für morgens ein Tablett voller Sandwichs. Total erledigt falle ich ins Bett. 

Montag suchen wir verzweifelt den Weg aus dem Ballungsgebiet. Das Navi will uns auf eine große Straße schicken, die für Räder gesperrt ist. Peet entdeckt eine Radweg-Ausschilderung, der wir folgen. Wir sind jetzt in Kent und hier finden wir mehr Radwege als in Essex. Trotzdem fahren wir im Kreis. Irgendwann kurbeln wir eine Steigung hoch und entdecken einen Friedhof. Ich schlage vor, die Gärtner nach dem Weg zu fragen. Außerdem haben wir schon Appetit auf Sandwichs. Ehe wir nach dem Weg fragen können, werden wir ausgefragt. Einer der Männer kennt Berlin, erzählt mir vom Alexanderplatz und vom Tiergarten. Ein dritter Mann gesellt sich dazu. Er besucht das Grab seiner Mutter. Wir haben von oben einen guten Überblick. Er erklärt Peet den Weg zu einer anderen Brücke. Ein Gärtner zeigt mir Inschriften in den oberen Steinen der Friedhofsmauer. 900 Jahre altes Gemäuer umgibt uns. Wir fragen, ob die Kirche offen ist. Sofort läuft einer los und winkt uns rein. Drinnen sind einige Frauen und Männer. Wir werden herzlich begrüßt und müssen viele Fragen beantworten. Ein älterer Mann zeigt mir ein Fresko. Ich soll alles fotografieren. Ein anderer erzählt, dass er in Deutschland im Schwarzwald, in Heidelberg, Warnemünde, Bad Doberan und Heiligendamm war. Er kennt die Kleinbahn Molly. Es ist gar nicht so einfach, hier weg zu kommen. Wir erklären, dass wir weiter müssen und stärken uns zwischen Friedhofsmauer und uralten Grabsteinen endlich mit Sandwichs. Steil geht es nach unten und über die Brücke nach Rochester. Hier ist es wieder urig und pitoresk. Wir schieben durch den Ort, halten am Castle und einer Kirche. Peet entdeckt wieder den Radweg und endlich sind wir raus aus den Städtedschungel. Es geht entlang am Wasser, durch Obstplantagen, Gewächshäuser links und rechts, schmale Wege voller Disteln und Brennnesseln. Und nicht zu vergessen: immer wieder Steigungen, mal lang und mal ganz kurz und knackig. Und Peet wartet immer geduldig auf mich. In Faversham treffen wir einen Schweizer Radler. Er zeigt uns die richtige Richtung und erzählt von einer sehr schmalen Brücke. Die Ausschilderung des Radweges ist teils recht dürftig, so auch hier. Nach einigem Suchen treffen wir einen einheimischen Radler. Er fährt mit uns durch einen Schiffsfriedhof und da ist sie, die besagte Brücke. Nur eine ganz schmale Person kommt da rüber. Vorher gibt es noch einen ganz engen Durchlass, wo das Gepäck von den Rädern muss. Dann wieder alles rauf und zur Brücke. Die beiden schlanken Männer schnappen sich Peets Rad, schultern es und tragen es rüber. Mein Rad ist viel schwerer. Trotzdem kann ich nur die beiden Packsäcke hinten runter nehmen, da haben sie mein kleines „Hardo“ schon auf den Schultern und setzen es vorsichtig auf der anderen Seite ab. Alles very british - oder english - hier. Wir bedanken uns bei dem netten Helfer, der sich lachend auf sein Mountainbike schwingt und unseren Blicken entschwindet. 

Weiter geht es über einen schmalen Schotterweg, der bald in eine schmale asphaltierte Straße mündet. Nach ein paar km sind wir in Whitstable. Mein Navi bringt uns zum Campingplatz. Kein Mensch in der Rezeption. Ein netter Mann schickt uns zum Mobilheim des Platzwartes, der im Bademantel verschlafen um die Ecke schaut. Wir sollen die Zelte aufbauen und morgen früh zahlen. Ab 9 Uhr ist die Rezeption geöffnet. 19,95 Pounds pro Zelt. Teures Pflaster. Am nächsten Morgen handelt Peet 19,95 für beide Zelte aus.

Heute ist Dienstag und wir radeln gemeinsam nach Sandwich. Das ist nicht sehr weit, aber wir wissen noch nicht, an wie vielen Hügeln Peet auf mich warten muss. Wir finden schnell den Radweg und kurbeln viel bergan nach Canterbury. Wieder durch Obstplantagen, aber auch durch Wald. Dann der Ausblick: Canterbury von oben und mittendrin die Cathedrale. Die Abfahrt ist wie ein Faltengebirge. Mit gezogener Bremse geht es vorsichtig nach unten. In einem Cafe trinken wir Tee und essen Toast und Croissant. Wir hören viele Sprachen. Deutsch ist auch dabei. In die Cathedrale kommt man nur mit Eintritt und schon gar nicht mit voll beladenen Rädern. Das war klar und ist uns auch egal. Ich fotografiere viel, auch ein Haus mit schiefer Tür. Der Ort ist reizvoll und wir sind froh, hier angehalten zu haben. Peet will mit seiner Frau hier nochmal herkommen. Sie fährt nicht Fahrrad, sie hat ein Pferd. Also werden sie das Auto nehmen. Gemeinsam radeln wir bis Sandwich. Peet fährt weiter Richtung Dover, er will morgen mit der Fähre nach Calais und zurück nach De Lier bei Rotterdam. Und ich bin auf dem netten Zeltplatz in Sandwich. 

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5. Juni 2014 – 974 km in Brightlingsea/Essex

Inzwischen hat es mich schneller als gedacht auf die Insel verschlagen. Gerade sitze ich im Brightlingsea in England, Grafschaft Essex, im Zelt und haue in die Tasten.

Am Sonnabend, 31. Mai, verabschiede ich mich nach einem guten Frühstück von unseren Freunden. Ineke packt mir Äpfel, Knäckebrot und Käse ein, Gerrit erklärt mir alle wichtigen Verkehrsregeln für Radfahrer. Trotzdem gerate ich bald auf eine Hauptstraße ohne Radspur. Hinter mir ein Hupkonzert. Ein Auto hält vor mir an einer Bushaltestelle. Der Fahrer erklärt mir in bestem englisch, dass ich an der nächsten Kreuzung wieder auf die Radspur komme, und fährt bis dahin langsam hinter mir her. Ich kurve bei Gegenwind nach Groningen und weiß bald: Es war ein Fehler. Wochenende, schönes Wetter und die Stadt total überfüllt. Habe kein einziges Bild gemacht und sofort das Weite gesucht. Es geht durch beschauliche Dörfer und nach 71 km stelle ich mein Zelt im Mini-Camping in Kollum auf.

Sonntag radele ich schon um 8 Uhr durch den hübschen Ort. Ich will zur Nordsee und komme auf dem Weg nach Anjum durch ein wunderschönes Vogelschutzgebiet. Es piepst und schilpt, die Wegränder sind bunt und das Leben ist schön. Auch wenn es meist wieder gegen den Wind geht. In Moddergat steht mein Fahrrad bald auf dem Deich. Wenn ich auf dem Nordseeradweg bleibe, werde ich nur Gegenwind haben. Also biege ich ins Hinterland ab und genehmige mir in Dokkum einen Kaffee. Einen Campingplatz finde ich in Franeker. Teuer und schmutzig, aber nach 83 km habe ich keine Lust mehr zu suchen. Die anderen Camper waren zum Glück sehr nett und versorgtem mich mit dem aktuellen Wetterbericht. Gute Aussichten.

Schon zeitig bin ich am Rathaus in Franeker. Ein sehenswerter Ort. Als ich meine Kamera einpacke und los will, rastet der Drehgriff der Rohloff-Schaltung nicht mehr ein. Ich finde gleich ein Radgeschäft. Doch montags geschlossen. Plötzlich taucht ein Radler mit Klapprad auf. Er ist aus Deutschland und mit seinem Boot in der Werft. Wir stehen zu zweit vor der verschlossenen Tür. Schrauben den Drehgriff ab, können keinen Defekt finden. Dann ein Blick zur externen Schaltung an der Nabe und die Sache ist klar. Die kleine schwarze Box ist abgefallen. Gemeinsam setzen wir sie wieder auf. Ich weiß zum Glück wie es geht. Mein netter Helfer bietet mir noch einen Kaffee auf seinem Boot an, aber ich habe Zeit verloren und eine harte Tour vor mir. Heute ist der Abschlussdeich fällig. Das heißt gut 30 km gegen den Wind. Dankbar verabschiede ich mich von dem hilfsbereiten Mann. Unglaublich. Immer wenn ich ein Problem habe ist ungefragt ein Helfer zur Stelle. Erleichtert geht es Richtung Deich. Und wieder ganz unglaublich: Rückenwind. An 300 Tagen im Jahr kommt der Wind aus Westen, heute nicht. Mitten auf dem Deich stelle ich die Kamera auf das Stativ und filme mich. Zwei Männer halten, denken ich habe einen Platten und wollen helfen. Die beiden sind aus dem Ruhrgebiet. Nicht mehr jung aber bestens in Form. Hier kommen mir auch die ersten Schwertransporter in den Niederlanden entgegen. Sie winken, halten aber nicht an. An einem Aussichtturm stehen schwer beladene Räder. Drei junge Männer winken mich ran. Sie sind aus Frankreich und bestaunen mein Rad. Kennen sich mit Rohloff aus und müssen dafür noch sparen. Erfreut stellen sie fest, dass ich auch mit Schwalbe-Reifen unterwegs bin. Und sind entsetzt, dass sie gegen den Wind antreten müssen. 

50 km hatte ich eingeplant, aber 76 dank Rückenwind geschafft. In Oudesluis gibt es einen Bauern-Campingplatz und ich bin begeistert von Ausstattung und Preis.

Wieder unternehme ich einen Versuch, auf dem Nordseeradweg an mein Ziel zu kommen. Bei starkem Gegenwind trete ich nach Petten. Riesige Tulpenfelder, aber nur noch grau-grün. Bis Camperduin bin ich hinterm Deich unterwegs, dann geht es in den Dünenwald. Von Weitem sieht man beachtliche Hügel in dem ansonsten platten Land. Der Wind ist ausgesperrt in dieser beeindruckenden Landschaft. In Bergen entdecke ich ein Pannkoekenhuis und ziehe die Bremse. Holländer sprechen mich an und das erste Mal höre ich hier die Frage, ob ich allein Angst habe. Dann kommen Deutsche und wollen zum Glück alles zu Rad und Ausrüstung wissen. Der Mann ist von meinem „Hardo“ begeistert. Das Navi führt mich durch Harlem. Andere Radler rufen „schönes Wetter zum Rad fahren“, Jugendliche ganz cool „hi“. Ein Mann beschreibt mir beim Radeln den Weg zur Fähre, die ich auch gleich finde. Kostenlos geht es über den Kanal. In Vogelenzang stelle ich mein Zelt auf. Augenblicklich fängt es an zu regnen.

Ich bin sauer. Fast 16 € knöpfte man mir ab. Krumme Wiese, dreckige Toiletten, weder Papier, Seife noch Handtücher. Und dann nur kaltes Wasser in der Dusche. Der Platzwart hat Glück, dass ich früh losfahre und ich keine Zeit habe, ihn zu suchen. Wenn alles gut läuft, könnte ich die Fähre nach Harwich erreichen. Hoek van Holland ist nur etwa 6o km entfernt. Zum Frühstück nur eine Banane und auf geht es. Ich fahre stur nach Navi, will nur ankommen. Es regnet fast ununterbrochen. Gönne mir kaum Pausen. Alles bei – wie sollte es anders sein – Gegenwind. In einem Dorf spricht mich eine Frau an. Sie sucht eine bestimmte Adresse. Und meint, ich sei die Postfrau. Die niederländische Post ist mit Fahrrad und gelben Taschen ausgerüstet. Ich lache mich innerlich kaputt - meine Taschen sind rot. Schnell tippe  ich die Adresse in mein Navi und kann der Frau helfen. Problematisch wird es in Den Haag. Ich umkreise zwei Mal eine große Kreuzung, bis ich die richtige Ausfahrt finde. Hier das erste Schild Hoek van Holland 20 km. Ich sehe zur Uhr und gebe Gas. Verliere die Ausschilderung, mache wieder das Navi an, finde bald wieder ein Schild. Rote Ampeln zwingen mich laufend  zum Halten. Die Zeit läuft mir davon. Ich gönne mir nur einen Riegel und weiter geht es. Die letzten km verlaufen am Deich, wo der Wind zulegt. Trotzdem stehe ich rechtzeitig am Fährterminal. Ein LKW-Fahrer schickt mich zum Stena-Line-Office. Die Damen denken nicht dran, mir ein Ticket zu verpassen und jagen mich zum Check-in. Problemlos kriecht mein Ticket aus dem Drucker und ich werde zur Passkontrolle geschickt. Gleich dahinter verpacke ich das e-werk und die gerade geladenen Akkus. Plötzlich ein Schwertransporter an der Passkontrolle. Er bleibt neben mir stehen. Schnell sind woher und wohin ausgetauscht und gemeinsam rollen wir in den Bauch des Schiffes. Mark bindet beide Räder mit meinem Spannriemen fest. Er ist Engländer, hat einige Jahre in Deutschland gearbeitet und spricht unsere Sprache. Fast 1000 km zeigt sein Tacho von Berlin nach Hoek van Holland. Während der Fahrt fachsimpeln wir über Rohloff- (fährt er schon lange) und Pinien-Schaltung, Felgenbremsen und vor allem Sättel. Marks Frau (die beiden fahren Tandem) hat noch nicht den idealen Sattel gefunden. Er wird ihr meinen Sqlab-Sattel besorgen. So wird uns die Zeit nicht lang und gemeinsam radeln wir zum Campingplatz in Harwich. Man schickt uns zur „next corner“, doch auch hier kein Sanitärgebäude, kein Platzwart und keine Zelte. Marks Navi findet noch einen Zeltplatz in der Nähe, wir geben Gas. Hier ist es hügelig und die Straßen sind nicht so gut in Schuss wie in Holland. Der Linksverkehr macht mir keine Sorgen, ich folge einfach Mark. Wir haben Glück. Hinter einem Pub gibt es eine Zeltwiese. Ruck zuck stehen die Stoffhütten. Mark zeigt mir den Pub. Urig und gemütlich, das Bier lecker, die Leute gut drauf. Toilette und Dusche sind mit deutschem Standard nicht vergleichbar. Aber alles da. Vor allem warmes Wasser.

Heute früh ging eine Schauer auf das Zelt nieder, als ich gerade raus kriechen wollte. Also nochmal in den Schlafsack gekuschelt. Zum Glück kein Dauerregen. Nass packen wir alles ein und entscheiden uns für die Variante Breakfast. Ich habe noch Brot und Müsli, aber hier ist es jetzt ungemütlich. Wir radeln nach Clapton on sea. Durch beschauliche Dörfer, Hügel rauf und runter. In Clapton auf der Seebrücke gibt es Breakfast und Tee. Ich bin im Land der Teetrinker gelandet. Und hier als Exot unterwegs, wie mir Mark erklärt. Denn Radfahrer – erst recht als Frau allein – sind hier eine seltene Spezies. Radwege gibt es daher kaum, aber die Autofahrer sind anständig. An den Linksverkehr habe ich mich dank Mark schnell gewöhnt. Wir sind uns einig, dass man sich unterwegs auf Wunder verlassen kann. (Ich denke z. B. an das Problem mit der Schaltung.) Und dass wir den meisten Jugendlichen eine Menge vormachen. Mark nimmt den Zug nach London. Seine Tour endet hier nach etwa 1000 km. Nächstes Jahr will er mit seiner Frau von Dänemark nach Berlin kurbeln. Und dann hoffentlich bei uns anhalten.

Erst jetzt suche ich die erste Karte von England raus. Und los geht es. Das Navi zeigt mir zuverlässig den Weg aus der Stadt. Ich kurbele nach Brightlingsea. Ein netter Autofahrer ruft, als ich in eine Einbahnstraße falsch einfahre. Hier finde ich den auf der Karte eingezeichneten Campingplatz. Und es gibt sogar ein Sanitärgebäude, obwohl ich nur Wohnwagen sichte. Mein Zelt soll unbedingt auf eine Wiese, wo der Wind bläst. Hinter den Bäumen geht nicht, erklärt mir der Platzwart. Mir fliegt die Plane um die Ohren und das Zelt fast weg. Gleich drei Helfer sind - ungefragt - zur Stelle. Halten alles fest und sprechen mit dem Platzwart. Auf der Wiese steht ein leerer Caravan. Ich schlage vor, das Zelt in den Windschatten zu stellen. Wird genehmigt. Zu viert wird das Zelt umgesetzt. Die Frauen wollen unbedingt einen Blick rein werfen, in „my little home“. Sie sind beeindruckt von meiner Tour und ganz aus dem Häuschen. Bald kommen die nächsten, stellen sich mit Namen vor. Sie erzählen mir von Deutschland und Sachsen, alles verstehe ich nicht. Wir war das mit den Wundern? Darüber werde ich gleich noch ein bisschen nachdenken................

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30. Mai 2014 - 544 km von Wismar nach Farmsum

Heute bin ich den 7. Tag unterwegs und seit ein paar Stunden in den Niederlanden. Eine kleine Faehre schipperte mit mir, meinem Schwertransporter und vielen anderen Radlern von Emden nach Delfzijl. Jetzt sitze ich am PC unserer Freunde Ineke und Gerrit, die in Farmsum, nur 2 km entfernt vom Faehranleger, huebsch im Gruenen wohnen. Doch von vorn.

Am Samstag, 25. Mai, starten Werner und ich Richtung Westen. Bei bestem Wetter geht es quer durch unser schoenes Mecklenburg nach Priwall zur Faehre ueber die Trave. Bis Timmendorfer Strand nehmen wir den Ostsee-Radweg. Wunderschoen entlang der Steilkueste. Doch viel sehen wir davon nicht, denn der Weg ist ueberfuellt und wir muessen aufpassen, nicht mit unsicheren Radlern zu kollidieren. Bald biegen wir ab auf wenig befahrene Nebenstrassen, schauen uns eine Dorfkirche an und stellen bei Bad Segeberg im Kluethsee-Camp nach 102 km unser Zelt auf.

Sonntag ist der Wind nicht mehr so guenstig, wir kommen trotzdem gut voran. Suchen uns wieder kleine Nebenstrassen, rollen von Dorf zu Dorf. In Glueckstadt schauen wir kurz in die Kirche am Markt. An der Elb-Faehre warten wir mit anderen Radlern. Sie erklaeren uns, wie wir auf der anderen Seite zum Campingplatz Krautsand kommen und sind erstaunt ueber unsere Plaene. Auf der Faehre will ein netter Autofahrer alles ueber unsere Ausruestung und Komponenten der Raeder wissen. Und ob wir Weltreisende sind. Hoffentlich bald! Auf der anderen Flussseite kuemmern sich die anderen Radler wieder. Sie warten auf uns und sorgen dafuer, dass unser Zelt bald auf einer Wiese an einem Badesee steht. Drei Sachen haben wir nach 92 km fuer uns allein: Die Wiese, den See und das Sanitaergebaeude.

Es geht Richtung Wesermuendung. Die Ortschaften sind oft nicht schoen, es stinkt nach Guelle oder Stall. Manchmal auch nach frisch gemaehter Wiese. In Bremerhaven kurbeln wir gleich zur Faehre, die Stadt ist uns zu hektisch. Nach 115 km landen wir auf einem voellig ueberteuerten Campingplatz im Nordseebad Tossens. Vergoldeten Rasen suchen wir vergebens, allerdings auch Tisch und Bank fuer ausgepowerte Radler.

Fluchtartig verlassen wir am naechsten Morgen den edlen Knaus Campingpark und steuern die Faehre ueber den Jadebusen an. Pech, denn diese faehrt erst ab Juni taeglich. Uns bleibt nichts weiter, als den Jadebusen zu umrunden. Erst strammer Gegenwind, irgendwann wechseln wir die Richtung und der Wind schiebt uns. In Varel genehmigen wir uns beim Baecker Kaffee und Kuchen. Wir verlassen den Jadebusen Richtung Neustadtgoerdens, ein huebscher Ort. In Dykhausen erreichen wir den Ems-Jade-Kanal. Hier gibt es zwischen bestem Asphalt und Matsch alle denkbaren Oberflaechen. Nach 81 km haben wir in Friedeburg, 4 km vom Kanal entfernt, einen Campingplatz gefunden. Als wir das Zelt aufbauen, beginnt es zu regnen. Genau richtig, frueh nach einer Bleibe Ausschau zu halten. Der Regen prasselt die ganze Nacht auf unser Zelt, doch morgens ist es trocken.

In Regenklamotten gehuellt geht es weiter am Kanal entlang. Werner kurbelt wie ein Held durch den Modder, ich steige schon mal ab und schiebe meinen Schwertransporter. 10 km vor Aurich bestes Pflaster. Es ist truebe, aber erst hier kommen ein paar Regentropfen. Weiter nach Emden. Einige Maenner sprechen uns an. Einer sucht an meinem Fahrrad den Motor und entdeckt die Rohloffnabe. Ja, das muss er sein. Pech fuer ihn, es ist die Schaltung. Wir trinken beim Baecker Kakao. Ein anderer Schwertransporter rollt an. Der Radler hat 8 Jahre in Emden gelebt, wohnt jetzt in Kiel. Werner hat vor 30 Jahren in Emden studiert. Eine Frau mischt sich in das Gespraech ein. Sie ist in Wismar (!) geboren, in Emden aufgewachsen und wohnt seit 50 Jahren in Frankfurt am Main. Nette Gespraeche in Ostfriesland. Und die Ostfriesen erst mal. Wie oft wir angesprochen wurden! Nach 85 km rollen wir auf den Campingplatz an der Knock, 15 km hinter Emden.

Vatertag. Gegen den eisigen Wind kurbeln wir nach Emden. Ohne Gepaeck (es im Zelt ist) schon nicht einfach. Mir wird schlecht. Worauf habe ich mich eingelassen? Wenn ich meinen Schwertransporter nur bei Gegenwind Richtung Westen steuern muss................... Nicht drueber nachdenken, wer weiss, wie das Wetter morgen oder naechste Woche ist. Werner radelt mit mir alle ihm wichtigen Orte seiner Studentenzeit ab. Die Hochschule, seine Studentenbude, diverse Kneipen (die teils noch existieren), die Kesselschleuse. Mittags kommt die Sonne. Gleich angenehmer. Es beginnen die Matjestage und wir goennen uns hollaendischen Matjes mit Pellkartoffeln. Echt lecker. Dann entfliehen wir dem Trubel in eine Seitenstrasse und trinken Kaffee. Werner hoffte immer noch einen Studienkumpel aus alten Tagen zu treffen, gibt die Hoffnung aber nun auf. Doch dann eine riesige Ueberraschung. Sein ehemaliger Kollege Manni, mit dem er vor Jahren in Wittstock zusammen arbeitete, radelt die Strasse entlang. Er kam 60 km aus seinem Wohnort Augustfehn. Am Vatertag unternimmt er meist allein eine Radtour. Und fuhr morgens ohne festes Ziel los. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Zufall oder wie kann man diese Begegnung beschreiben? Manni begleitet uns zum Campingplatz. Spaeter faehrt er zum naechsten Bahnhof und will mit dem Zug nach Hause.

Heute ist es windstill. Und das an der Nordsee! Die Sonne waermt schon, als wir frueh aus den Schlafsaecken kriechen. Wir packen unsere sieben Sachen und radeln ohne Fruestueck und Gegenwind nach Emden zum Bahnhof. Gestern besorgten wir schon Werners Fahrkarte. Gemeinsam geniessen wir (vorerst zum letzten Mal) Kaffee und Apfeltaschen. Eine letzte Umarmung. Dann schwinge ich mich auf meinen Schwertransporter und kurbele zur Faehre. Hier war ich gestern natuerlich auch schon. Der Kapitaen erwartet mich bereits. Die Maenner helfen mir mit dem Gepaeck. Mein kleines Rad ist bald eingekeilt zwischen E-Bikes. Die anderen Radler konsumieren waehrend der Ueberfahrt fast ausnahmslos Bier und Schnaps. Weit wollen die meisten sowieso nicht, entnehme ich ihren Gespraechen. Koennen sie auch nicht bei so viel Alkohol. Puenktlich um 10.40 Uhr legt die Faehre in Delfzijl an. Ineke steht auf dem Steg und winkt. Ich bin gluecklich, bei Freunden gelandet zu sein.

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18. Mai 2014 

Gestern unternahm ich mit meinem voll bepackten Schwertransporter eine Probetour. Die Packtaschen wiegen 36 kg, Wasser kommt noch dazu. Bei Rücken- oder Gegenwind kurbelte ich 69 km die Mecklenburger Hügel rauf und runter. 

Mein kleiner Schwertransporter wird Dienstag inspiziert und das Hinterrad bekommt einen neuen Schlauch. Mit dem mehrfach geflickten vom letzten Jahr will ich nicht losfahren. 

Hoffentlich gelingt es mir, von unterwegs hier zu schreiben.

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13. Mai 2014

Langsam wird es aufregend. Am 24. Mai kurbeln wir los. Wir, weil Werner mich die erste Tage begleiten kann. Gemeinsam geht es bis Emden. Dort wird er den Zug Richtung Heimat nehmen und ich die Fähre über den Dollart nach Delfzijl. Mein erstes Ziel in den Niederlanden ist Farmsum. Unsere Freunde Ineke und Gerrit erwarten mich. Bei den beiden werde ich mir den ersten Pausentag gönnen. Groningen will ich ansteuern und den Ijsselmeerdamm unter die Reifen nehmen. Weiter entlang der Nordeeküste und in Hoeck van Holland nimmt mich vielleicht die Fähre mit nach Harwich/England. In Dover kann ich nach Calais/Frankreich übersetzen. Von hier führt der  Fernradweg R 1 bis Sankt Petersburg. So weit will - oder besser kann - ich nicht kurbeln, denn am 30. Juni muss ich mich wieder im Büro blicken lassen. Doch bis zum Emsland möchte ich es schaffen, wo mich Werner abholt. Soweit mein Plan. Ob es so kommt? Ich bin neugierig und lasse mich gern überraschen. 

Unser Freund Rüdiger beschäftigt sich seit Tagen mit meinem Navi. Lieber Rüdiger, an dieser Stelle ein dickes Dankeschön für deine Mühe. Du hast mich vom Garmin überzeugt - was gar nicht so einfach war - und machst das gern für mich. 

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